Grob gehauen oder glatt poliert

Schwäbisch Hall - Vor der Tür liegt King Lear. Zehn Meter lang, aus Stein gehauen und einmal längs durchgeschnitten. Ein Stück weiter steht eine Gruppe Gekreuzigter aus Bronze, daneben die Skulptur eines Gequälten. Zu seinem 80. Geburtstag würdigt die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall den zeitgenössischen Künstler Hrdlicka mit einer Retrospektive.

Leid, Krankheit, Schändung und Tötung - das sind die Themen des Bildhauers, Malers und Zeichners Alfred Hrdlicka, der am 27. Februar Geburtstag feiert.Gezeigt werden fast 300 der meist polarisierenden Werke aus allen Schaffensperioden des Wieners. Zeugnisse aus fünf Jahrzehnten international beachteter Bildhauerei. Sein Stein ist teils grob gehauen, an anderen Stellen glatt poliert. Einen Großteil der Ausstellungsstücke hat der württembergische "Schraubenkönig" Reinhold Würth zusammengetragen. Seine private Sammlung umfasst gut 220 Arbeiten Hrdlickas.

Martialisch und kraftvoll stellt Hrdlicka die Menschen dar, aber auch verletzt, gequält und geschunden. "Auch sich selbst hat er nie geschont", erzählt Kuratorin Kirsten Fiege. Am Stein habe er sich regelrecht abgearbeitet. Das Rückgrat schmerzte genauso wie die Handgelenke. Sich selbst bezeichnet Hrdlicka gerne als "Proletarier der Kunst", als "Steinzeitmensch".

Der überzeugte Sozialist - Sohn eines Gewerkschaftsfunktionärs und später selbst mehrfacher Kandidat der Kommunistischen Partei Österreichs - hat nicht selten provoziert. Seine schonungslose Darstellung des Menschen als triebhaftes, verbrecherisches, aber auch leidendes und leidenschaftliches Wesen löste oft Kontroversen aus. Beispiele dafür sind auch in Schwäbisch Hall zu sehen: Studien zeigen etwa die Entstehung des Wiener Mahnmals gegen Krieg und Faschismus. Die Figur des "Steine waschenden Juden" löste heftigen Streit aus. Gemälde zur deutschen Wiedervereinigung versah Hrdlicka mit dem Kommentar "Gott sei Dank, der Marxismus ist krank - Im Westen steht alles zum Besten."

Großen Raum widmet die Kunsthalle auch einem Radierzyklus zur Französischen Revolution und dem Zyklus "Wie ein Totentanz", der sich mit dem gescheiterten Attentat auf Hitler 1944 auseinandersetzt. Auch Außenseitern, wie dem über Jahre unentdeckten deutschen Massenmörder der 1930er Jahre, Fritz Haarmann, widmete er ganze Zyklen. "In Haarmann entdeckte er sowas wie einen Vorläufer der Nationalsozialisten", erzählt Fiege.

Ideologisch stehe Hrdlicka in der Tradition von Künstlern wie Grosz oder Dix, die durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs radikalisiert wurden und mit der Darstellung des Entsetzlichen gegen jene Doppelmoral zu Felde zogen, die sie für das Geschehene verantwortlich machten.

(Internet: www.kunst.wuerth.com)

dpa

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