Grobian mit Schmuse-Anhängsel

- Es ist eine wunderbare Komödie, aber das Beste: Es steckt ein echtes Problemstück drin. "Born Yesterday" (1946) von Garson Kanin, ein vier Jahre lang ausverkaufter Broadway-Hit, 1950 verfilmt, 1993 als Remake (mit Melanie Griffith) wieder ein Renner. Und ein Renner wird jetzt auch in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof "Die ist nicht von gestern".

Pascal Breuer hat gekonnt in heutigen Umgangston übersetzt. Stefan Zimmermann lässt in seiner flotten Inszenierung Kanins Kritik an auch bei uns gängige Geschäftspraktiken durchblitzen. Und ein Top-Trio sind Werner Haindl, Ottokar Lehrner und die großartige Marion Kracht. So manche TV-/Film-Größe ist schon auf der Bühne baden gegangen. Die Kracht als Provinzdummchen Billie setzt nur ­ ihre kurvige Rückenansicht choreografisch zur Wirkung bringend ­ einen Sandaletten-Fuß in die nüchtern-schicke Hotelsuite und ist da ganz selbstverständlich zu Hause.

Billie, das Schmuse-Anhängsel von Müllverwertungs-Unternehmer Harry Brock, ist jetzt, wo er dabei ist, die letzten Stufen der mit Schmiergeldern abgesicherten Business-Erfolgsleiter in Washington D.C. zu nehmen, ein Karriere-gefährdendes Problem. Harry, gewohnt, in rigoroser (Dollar-)Regie Hindernisse aus dem Weg zu räumen, engagiert zur Oberflächenpolierung ihres Bildungsnotstandes den jungen Journalisten Paul Verrall, welcher in der nicht auf den Kopf gefallenen Billie unerwartet Wissensdurst weckt.

Armer Harry. Werner Haindl spielt den zum Elendshäufchen schrumpfenden Großkotz natürlich gut. Ein bisschen viel Grobianisches scheint ihm aufgezwungen von der Regie, die sich offensichtlich auf die beiden "Winner" konzentrierte: Feinnervig komisch Ottokar Lehrners intellektueller Wachküssprinz. Erotisch knisternd die Annäherung zwischen ihm und der sexy Schülerin, die Marion Kracht in allen ihren Potenzen aufblühen lässt, vom Ganz-aus-dem-Bauch-Geschöpf bis zur selbstbestimmten Billie. Immer überraschend, immer hinreißend komisch.

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