Die Größe des Herzens ist entscheidend

- Die Branche übt sich seit Jahren in Klageliedern: Der Klassik-Markt ist gesättigt, der CD-Verkauf rückläufig, der Gewinn nicht mehr garantiert. Das alles stimmt, und dennoch wagt da jemand einen Neubeginn: Dieter Oehms. Er gründete ein neues Label: Oehms Classics.

<P>Ganz schön kühn, als David gegen die Goliaths anzutreten, aber Dieter Oehms ist kein Greenhorn. Er kennt die Branche seit 30 Jahren. Während andere in seinem Alter der Rente erwartungsfroh entgegenblicken, krempelte der 61-Jährige die Ärmel noch einmal hoch, um der Musik und ihren Interpreten einen neuen Weg zu bereiten.</P><P>Als Bub in der Eifel groß geworden, hat Oehms "weder ein Instrument gespielt, noch studiert" - aber den Kaufmannsberuf von der Pike auf erlernt. Die Liebe zur Musik war groß, und so landete er bei der Deutschen Grammophon (DGG). Dort kletterte er rasch die Karriereleiter hinauf, war federführend bei der CD-Einführung 1983, gründete als Geschäftsführer die Polygram mit und saß 1985 auf dem Chefsessel der DGG.</P><P>Wenig später, als Deutschland-Chef bei Philips, fehlte ihm die Nähe zu den Musikmachenden. "Ich bin kein Techniker", gesteht Dieter Oehms, der 1995 zu BMG wechselte, um als Gesellschafter ein Budget-Label _ preiswerte CDs _ auf den Markt zu bringen: Arte Nova. Im verflixten siebten Jahr verließ Oehms die BMG. Sein Kommentar, ein Satz von Rainer Kunze: "Man muss Kompromisse schließen, wenn es darum geht, die Substanz zu erhalten, und man darf keine Kompromisse schließen, wenn es an die Substanz geht."</P><P>Oehms wollte sich und seiner Philosophie treu bleiben - mit einem eigenen Label, für das ihm der Designer-Papst Peter Schmidt Name und Logo entwarf. Als Starthilfe für Oehms und seine vorwiegend jungen Künstler, von denen er einige von Arte Nova "mitnahm". "Das Big Business ist vorbei", konstatiert er, "aber junge Musiker und Sänger brauchen die CD als klingende Visitenkarte, möglichst bei einem Label, das glaubwürdig ist." Er weiß genau, dass weder er, noch die Künstler den großen Reibach machen mit ihren CDs, die zwischen acht und zehn Euro kosten.</P><P>"Früher habe ich mein Geld mit der Musik verdient, heute gebe ich es dafür aus", lacht Oehms, der bei seiner Frau volle Rückendeckung findet. "Das Haus ist abbezahlt, und für eine gute Pasta und einen guten Rotwein reicht es allemal." Vor allem jungen Künstlern will er eine Plattform bieten: etwa dem Geiger Benjamin Schmid, dem Gitarristen Johannes Tonio Kreusch, dem Pianisten Alfredo Perl, dem Sänger Roman Trekel oder dem Dirigenten Stefan Anton Reck.</P><P>Dass die fetten Gagen nicht mehr drin sind, wissen seine Musiker. Da sie sich aber aussuchen dürfen, was sie einspielen möchten, sind sie kooperativ. So ließ Oehms im Teatro Massimo zu Palermo eine "Lulu" von Stefan Anton Reck produzieren, für die Ensemble und Musiker statt Lire beim Abschlussfest Pasta und Wein bis zum Abwinken bekamen. "Es war eine wunderbare Stimmung", erinnert sich Oehms, der damals seinen Anteil für Verlagsrechte (20 000 Mark) und Technik (35 000 Mark) hingeblättert hatte. Dass ausgerechnet diese Low-Budget-"Lulu" bestens kritisiert wurde, freut ihn natürlich.</P><P>Doch nicht nur dem Nachwuchs bietet Oehms eine Chance, sondern auch Künstlern, die noch nicht den Platz gefunden haben, der ihnen gebührt. "An dem fast 80-jährigen polnischen Dirigenten Stanislaw Skrowaczewski ist der Markt vorbeigegangen." Oehms produzierte mit ihm und dem Saarbrücker Radio-Symphony Orchestra alle Bruckner-Symphonien: ein großer Erfolg. Oehms sorgt nicht nur dafür, dass seine Künstler via CD auf den Markt kommen, er rührt auch die Werbetrommel, was weit teurer ist, als die Produktion des Tonträgers. Seine "Truppe" hält Oehms bewusst klein: "Die Größe des Herzens ist hierbei entscheidend. </P><P>Ich will mich um meine Musiker kümmern. Sie wissen, dass sie auch sonntags oder an Weihnachten anrufen können. Und sie können ein paar Tage bei uns im Bayerischen Wald, in unserem Gästehaus, ungestört üben. Das bindet. Geld ist nicht der Motor."<BR><BR></P>

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