Der größte Klang ist die Stille

- " . . . in die Fremde" lautet das Motto der Münchener Biennale, und dabei wird Qu Xiao-song mit seiner Oper "Versuchung" das Publikum in "fremde" chinesische Klangwelten entführen. Die Uraufführung ist morgen im Carl-Orff-Saal, Rüdiger Bohn dirigiert. Geboren wurde Qu Xiao-song, Jahrgang 1952, in der südchinesischen Provinz Guizhou, und zwar in eine Familie ohne musikalischen Hintergrund. Man kann ihn durchaus als Spätberufenen bezeichnen, denn sein erstes Instrument, die Violine, erlernte er erst mit zwanzig Jahren. Zuvor gab es keine Gelegenheit, da er während der Kulturrevolution als Vierzehnjähriger zur Arbeit aufs Land verbannt wurde.

<P>Obwohl während der Kulturrevolution jegliche Art der Traditionspflege, egal ob chinesische oder westliche, verboten war und einzig revolutionsnahe Musik und die Peking Oper erlaubt, formierte sich Qu Xiao-song mit Freunden zu einem Streichquartett, um im Untergrund Mozart und Beethoven zu spielen und sich mit Harmonielehre, Kontrapunkt und Instrumentation zu beschäftigen.</P><P>"Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, mein Leben hat Bedeutung", sagt Qu Xiao-song. "Bis dahin lebte ich wie ein gewöhnlicher Junge, ging in die Berge oder zum Schwimmen. Ich habe es stets geliebt, mit der Natur in Berührung zu sein. Immer wenn ich in gedrückter Stimmung war, half es mir, in die Berge zu gehen. Aber als ich dann zur Musik fand, da fühlte ich wirklich, dies soll mein Leben werden. Musik ist für mich der beste Weg, meine Gefühle auszudrücken."</P><P>Schulen, Konservatorien und Universitäten blieben während der Kulturrevolution verschlossen. Nach ihrem Ende begann Qu Xiao-song 1978 am Konservatorium in Peking ein Kompositionsstudium, unterrichtete anschließend fünf Jahre und ging nach New York und Europa, wo er die Zeit zwischen 1989 und 1999 verbrachte. Und genau dort fand er zu seinen Wurzeln und seinem eigenen Kompositionsstil.</P><P>"In dem Moment, als ich begann, mich mit westlicher Musik und Komposition zu beschäftigen, bekam ich dadurch eine sehr starke Nähe zu meiner eigenen Tradition. Nicht nur zur musikalischen, sondern auch zur Philosophie, zu Taoismus und Buddhismus. Die größte Vorstellung ist bildlos, der größte Klang ist die Stille, und dazu habe ich eine sehr tiefe Beziehung."</P><P>Vorlage ist ein alter chinesischer Opernstoff</P><P>Seit 1999 unterrichtet er in Shanghai Komposition. Er selbst denkt beim Komponieren nicht ans Publikum. Qu Xioa-song hat keine Story im Kopf, einzig den Klang. Und gewöhnlich kann er, wie er sagt, nur das Gefühl ausdrücken, das er in sich hat. Auf diese Weise verbindet er die klassische Tonsprache seiner Heimat mit westlicher Moderne. Qu Xiao-song notiert seine Komposition per Hand, ohne Computer oder technische Hilfsmittel.</P><P>In Kontakt mit der Münchener Musiktheater-Biennale und deren Chef Peter Ruzicka kam er über die Regisseurin Sabrina Hölzer, die auch Regie bei der Uraufführung seiner zweiten Oper "Versuchung" führt. Als Librettovorlage diente ein alter chinesischer Opernstoff, dessen englischer Titel "The Test" lautet. Erzählt wird die Geschichte vom verfrüht in die Unterwelt geratenen Zhuang Zhou, der dort auf eine junge Frau trifft, die das Grab ihres verstorbenen Mannes trocken fächelt, weil sie sich erst dann einem neuen Liebhaber zuwenden darf.</P><P>Erschreckt durch das Verlangen nach schnellem Vergessen, stellt der weise Zhuang seine Frau auf die Probe. Das Ende bleibt offen. Das Libretto zu dieser Oper verfasste Qu Xiao-song gemeinsam mit der Autorin Wu Lan, seiner Frau, die er während eines längeren Aufenthaltes in Schweden kennen lernte - also in der Fremde.</P>

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