Es grollt nicht einmal

- "Und dann kam das Geräusch, von dem Raj Vir Singh gesprochen hatte, und wir alle verstanden es augenblicklich. Unendlich weit entfernt schien es mit unvorstellbarer Macht zu knirschen, und aus diesem Knirschen entwickelte sich ein unterdrückter Hall, volltönend wie eine Riesenglocke, und es wurde plötzlich klar, dass die Wand dieser Glocke die Erdschale war."

Der Ich-Erzähler ist in Indien, in dem kleinen, heruntergekommenen Königreich Sanchor als Gast bei Hofe. Es ist eigentlich ein Arbeitsaufenthalt, denn der Architekt aus  dem fernen Deutschland ist Spezialist für Luxushotels. Weltweit verwandelt er prächtige, aber nutzlos gewordenen Bauten in raffinierte Domizile für Reiche. Auf diese Weise soll auch für Sanchor und Seine Hoheit frisches Geld fließen.

Männerfantasien

Martin Mosebach hat in seinem Roman "Das Beben" zwei Kulturen nebeneinander gesetzt. Da ist der Westen, da ist vor allem der Autor selbst, der auf ein fantastisches Reich schaut - und davon einfach überwältigt wurde. Das Beben findet weniger als Ereignis im Buch statt, das Beben hat vielmehr den Schreiber durcheinander geschüttelt: Er wandert ein wenig somnambul zwischen den vielen schönen Trümmern seiner Eindrücke und Motive herum. Mehr nicht. Auch das Überwältigt-sein muss gestaltet, das Fragmentarische muss in Form gebracht werden. Das gelingt Mosebach nicht.

Ästhetik soll wohl das innerste Thema des Buchs sein. Damit's nicht so trocken wird - ein baumeisterliches Essay etwa -, verliebt sich der Architekt am Anfang flugs in die Tochter seines Seniorchefs. Sie ist natürlich nicht eine gestandene junge Frau von heute, sondern das kapriziöse Geschöpf Manon, undurchschaubar, erotisch, kurz eine Männerfantasie aus dem 19. Jahrhundert. Gerade diese ästhetische Landmarke, das absichtsvoll Gemachte erzeugt - Sex hin oder her - Sterilität, zumal gleich der nächste Ästhetik-Pflock eingeschlagen wird. Denn Manon hängt ständig an einem Maler-Architekten, der eine Charisma-Melange aus Friedrich Hundertwasser und André´ Heller ist. Was eine herrliche Satire sein könnte über Geschmacksdespoten, über Geschmacksverstärker sozusagen, bleibt humoristisch zahm. Man lauert sehnsüchtig auf griffige Gemeinheiten, liest aber nur charmant verfasste Beobachtungen mit sanften Spitzen.

Verfallende Paläste

Das Geturtel des Architekten-Ichs mit Manon endet in - Mosebach-zivilisierter - Wut und  Enttäuschung sowie  in schneller Abreise nach Indien. Die allgegenwärtige heilige Kuh führt den Architekten, der für dänische Investoren aktiv werden soll, in eine schier unglaubliche Welt. Deren Basis bohrt sich in Dreck, Armut und Unterdrückung; ihr Dach reicht in Magie und Götterhimmel. Ausführlich schildert der Autor den verarmten Hof von Sanchor, seine Personage und verfallende Paläste. Der zarte Schleier des Witzes verhüllt nie, wie groß die Sympathien des Ich-Erzählers für diesen Anachronismus ist. Mosebach baut mit erschöpfender Gründlichkeit die royalistische Selbstinszenierung zu einer Ästhetik der Monarchie auf: "Dieses Königtum wollte dem Staat eben keine ,ersten Diener’ schenken, sondern Heiligtum sein, in dem das Königsidol aufbewahrt wurde."

Um nicht ganz dem indischen Traum zu erliegen, gibt es ein paar ironische Haltepunkte. Da ist nicht nur der deutsche Minister, der äußerlich Joschka Fischer frappant ähnelt, da ist vor allem das Ende des Romans. Manon, ihrem Architekten nachgeeilt, stellt sich als ideale hohe Frau für Seine Hoheit heraus. Und kaum hat das Erzähler-Ich die mythische Paarung verkraftet, kippt ein ganz menschlicher Schlaganfall das "Königsidol". Das Beben, das seiner Ansicht nach die Demokratie stürzen lassen würde, war nicht einmal ein Grollen.

Martin Mosebach hat sich an einem gewaltigen Projekt versucht, an einer Ästhetik der Kulturen, die unterhaltsam sein soll. Das funktionierte nicht. Aber so manche gut geschriebene Szene, Episode oder Schilderung deutet an, in welche Richtung es hätte gehen können.

Martin Mosebach: "Das Beben". Carl Hanser Verlag, München, Wien, 414 Seiten; 24,90 Euro.

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