Großartiges Panorama

- Die teuerste Fotografie ist zu sehen, Gustave Le Grays "Brandende Welle" von 1857, die bei einer Auktion 1,8 Millionen Mark erzielte; die einst längste Aufnahme ist zu sehen, das viereinhalb Meter breite München-Panorama, das Georg Böttger vom Alten Peter aus 1858 fotografierte; und zu sehen ist auch eine Arbeit, die aus 30 Negativen collagiert wurde, so perfekt, als wäre eine Digitalkamera am Werk: Oscar Gustave Rejlanders hochmoralische, dennoch mit Nuditäten nicht sparende "Zwei Wege des Lebens", 1857. Angeblich hing diese Entscheidungsfindung zwischen Laster und Ehrbarkeit bei Königin Victoria - hinter einem Vorhang.

<P>Die Münchner Hypo-Kunsthalle präsentiert ab 1. Mai die exzellente, spannende und anekdotenreiche Ausstellung "Eine neue Kunst? Eine andere Natur! Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert", die im vergangenen Jahr wegen Baumaßnahmen verschoben werden musste. Kurator Ulrich Pohlmann, Chef des Fotomuseums im Münchner Stadtmuseum, hat das Wechselspiel der Inszenierung von Gemälde und Foto während der Jugendphase der Fotografie in 14 Kapitel aufgefächert. </P><P>Sie zeigen, dass die neue Technik, die in unseren Tagen erst zu einem gleichberechtigten Ast des Baumes bildende Kunst geworden ist, von Beginn an alle Themen und Gestaltungsmittel der Malerei vom Stillleben bis zum Akt aufgriff, aber auch selbst unbeschrittene Wege fand. So sind die frühesten Aufnahmen aus den 1840er-Jahren von William Henry Fox Talbot unter dem Titel "Der Zeichenstift der Natur" ein Herantasten an das Wesen des Abgebildeten und an die Natur, die Möglichkeiten der Fotografie selbst. Die naturwissenschaftliche und die künstlerische Sicht laufen nebeneinander her. Wobei die Nutzbarkeit der Aufnahmen eine große Rolle spielt.<BR><BR>Pittoreskes war beliebt, also arrangierten David Octavius Hill und Robert Adamson einen urigen Mann und drei Fischerbuben am Strand vor einen Bootsbug. Beste Vorlage auch für Maler. Genauso pragmatisch, doch menschenverachtend mutet der Ansatz der "Physiognomischen Porträts" an. Man wollte den Künstlern eine Grammatik der Mimik und Gestik an die Hand geben. Um "wahre" Gefühlsausdrücke zu katalogisieren, schreckte Guillaume Duchenne de Boulogne nicht vor elektrischen Versuchen an Probanden zurück. Nützlich waren außerdem die Akt-Aufnahmen: kein schlotterndes Modell im winterkalten Atelier, sondern unerschütterlich ausharrende Körper auf Papier. Darauf griffen zum Beispiel Delacroix oder Courbet gern zurück. <BR><BR>Ein Höhepunkt der Handstudien - bis zum genauen Knochenbau, aber auch zu surrealen Kombinationen - ist Adolph von Menzels kleines, unglaublich intensives Gemälde "Rechte Hand des Künstlers mit Farbnapf", 1864. In der größten Einfachheit die größte Kunst - und in ihr das ehrliche Bekenntnis zum Hand-Werk des Malens. Neben solchen Sternstunden findet man die Tier-Etüden bieder, man sollte aber bedenken, wie schwierig es war, die Viecher für die langen Belichtungszeiten ruhig zu stellen. Da griff der Fotograf schon mal zum ausgestopften Hasen, der dann wirklichkeitsecht im Farn saß. Neben dieser getürkten Wissenschaftlichkeit gibt es die echte, die mit Riesenaufwand den Bewegungsablauf von Pferden dokumentierte.<BR><BR>Dieses Engagement galt gleichfalls unzugänglichen Gebirgsregionen wie den Gletscherzonen oder dem flüchtigen Augenblick in Wolken und Wellen. Auch hier war technische Finesse gefragt. Himmel und Meer mussten getrennt aufgenommen werden, denn zusammen fotografiert wäre ein "schwarzer" Himmel entstanden. Diese dokumentarische Haltung und das Bewusstsein, dass die Kamera völlig gleichmütig alles erfasst, was ihr vor die Linse kommt, prädestinierte die Fotografie für Archivierungen. Baudenkmäler eines Landes wurden aufgezeichnet, Stadtansichten, "malerische" Landstriche, Kunstwerke und eben auch die beginnende Industriealisierung. Sie ließ die meisten Maler kalt, aber das Auge des Fotografen sah mehr. Großartig dargestellt sind Brücken mit ihren Eisenträger-Strukturen in ihrer modernen Ästhetik - ein Vorgriff auf den Konstruktivismus des 20. Jahrhunderts.</P><P>1.Mai bis 18.Juli, Katalog von Schirmer/Mosel: 35 Euro. Tel. 089/ 22 44 12.<BR></P>

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