Der große Anti-Mythos

- Ein Amerikaner entert das Haus der Kunst. Er setzt dem Nazi-Bau passend zur BUGA ein wulstiges aufblasbares Blumenbouquet auf den Kopf und gräbt den Garten der eigenen wie der deutschen Geschichte mit beiden Händen gründlich um. Er verbindet eine Vertreibung mit der andern, plakativ und trotzdem subtil, kritisch, auf seine Art. Er spannt Oktoberfest-Rappen vor seine massiven Planwagen und lässt auf Bayerisch zur Western-Parade blasen. Das kann nur einer: Paul McCarthy, der unerschrockene Symbiosen-Siedler auf unwegsamem Gelände. "Forget the past", sagt der Bärtige zu den Bayern.

<P>Das Münchner Haus der Kunst widmet dem 60-jährigen wegweisenden Aktions-Tabu-Künstler die bislang umfassendste Werkschau in Europa. Mit frühen wie brandaktuellen Arbeiten, an denen seine wiederkehrenden Motive wie das des Western erkennbar werden, mit Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Fotoserien, Videos, Installationen auf 2500 Quadratmetern. Obwohl es eigentlich so wirkt, als widme umgekehrt Paul McCarthy sich selbst dem Münchner Haus der Kunst. Sein provokanter Enterhaken hat das gesamte Erdgeschoss des Ostflügels fest im Griff, der ehemalige kalifornische Kunstprofessor signiert ihn mit obszöner, kunstblutig schöpferischer Handschrift.<BR><BR>In diesem "Lala Land Parodie Paradies" atmen und zucken die mechanischen Schweine, die gezeichneten halten dem Seeräuber als Sex-Spielzeug her; es träumen halb bekleidet wächserne Selbstbildnisse, während anderswo Geschlechter zu Gesichtern werden. Zwei Seiten hat das Gute-Laune-Land von American Dream und Way of Life, von Hollywood, Disney und Co. - McCarthy kippt die eine und zeigt die andere: Riesige aufgeblasene Zigarettenschachteln und Reklameplakate präsentieren ihre Kehrseite beim Wort genommen. Und blutbespritzt genießen die Schauspieler in des Künstlers Piraten-Performance ihre blaue Südseetraum-Kulisse. Eine gnadenlos groteske Parodie vom so genannten Paradies.<BR><BR>Das "Pirate Project" ist - nach dem überdimensionalen Dach-Garten, der das Haus der Kunst schier unter sich begräbt - die zweite der drei aufwändigen Installationen im Mittelpunkt der Schau. McCarthy hat sie in Zusammenarbeit mit seinem Sohn Damon geschaffen, in familiärer Produktionsgemeinschaft, einer Art "disneyasc studio", wie er es nennt.<BR><BR>Ein großer Raum mit einem beeindruckenden Monstrum von einem mechanisch ruckenden Schiff und noch zwei weiteren Wohnwagen-Backbord-Rumpf-Resten, die ihre letzte Schlacht schon hinter sich haben. Zwei Videoinstallationen zeigen das performative Making-Of, die wilde, laute und sexuelle Entstehung vom fettig-klebrigen Chaos - untrennbar mit dem fertigen Kunstwerk verbunden. Die Einweihung des "Western Project" im Zentrum des Museumsbaus dagegen wurde zur Münchner Sache: Auf einmal tanzten nackte Ranger an der Prinzregentenstraße und badeten ausgelassen im Eisbach, innen im hölzernen Fort fanden exzesshafte (doch vergleichsweise harmlose) Bier-Lust-Gelage statt.<BR><BR>Stationstheater aus Schmutz und Eingeweiden</P><P>Eine große Westernparade schließlich war für McCarthy die bildhafte Überschreibung des beschwerlichen Amerika-historischen Weges: In München sind die ersten Siedler deutsche Schauspieler und müssen in ihren massivhölzernen Planwagen aus dem Haus der Kunst durch den Englischen Garten ins Museum zurück gelangen, wobei sich ihnen statt Flüssen und Felsmassiven schmale Türen und elf Stufen in den Weg stellen - samt der Nazi-Vergangenheit des Hauses. Gleich zwei historische Filmkulissen: entlarvt.<BR><BR>"We're not interested in making Hollywood-Films", betont McCarthy. Und dreht weiter an seinem libidinös grotesken Stationstheater aus Schmutz und Eingeweiden, am seinem großen amerikanischen Anti-Mythos.</P><P>Bis 28. August, Mo-So 10-20 Uhr, Do, 10-22 Uhr. Info: 089/21 12 71 13; www.hausderkunst.de. Der Katalog erscheint Anfang Juli und kostet 35 Euro. </P>

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