Das große Los gezogen

Shanghai - "Ich war wahnsinnig aufgeregt", bekennt Shengni Guo nach dem Konzert in Shanghai strahlend und entspannt. Das China-Debüt der Münchner Philharmoniker wurde für die junge Kontrabassistin zum Heimspiel, das die Eltern im Parkett aufmerksam und begeistert verfolgten. Auch Zen Hu-Gothoni und Qi Zhou von den zweiten Geigen genossen es, endlich einmal mit ihrem Orchester im Heimatland zu gastieren.

Für die Philharmoniker und Christian Thielemann geriet der Abend zum sensationellen Erfolg, dem gleich eine weitere Einladung in die boomende 17-Millionen-Stadt am Fluss Huang Pu folgte. Der Chef der Shanghai Concert Hall lud Orchester und Dirigenten beim Empfang nach dem Konzert spontan zur Wiederkehr ein. Nicht nur ins edel renovierte, 1930 in historisierendem Stil erbaute Konzerthaus, sondern auch in das ebenfalls von ihm geführte, hochmoderne Opernhaus, nur einen Steinwurf entfernt. Kein Wunder, denn wie schon zuvor in Seoul und in Japan hatten sich die Münchner Philharmoniker unter ihrem Bayreuth-gestählten Boss mit einem überschwänglichen "Meistersinger"-Vorspiel doch selbst fürs Musiktheater empfohlen.

Danach kochte der Jubel hoch. Bravo-Geschrei und rhythmisches Klatschen endeten erst, nachdem Thielemann mit Karacho zur letzten Verbeugung aufs Pult gesprungen war. Schon vor der Wagner-Zugabe hatten die Philharmoniker bei Brahms Erster wie um ihr Leben gespielt. Die Streicher hatten in dieser Halle das große Los gezogen: Sie konnten sich, angeführt von Konzertmeister Lorenz Nasturica, mit ihrem satten, warmen Klang, ihrer verführerischen Süffigkeit mühelos in den Vordergrund spielen. Die Celli sangen, dass den Zuhörern das Herz aufging, und manche Träne floss.

Thielemann, der mit seinem Orchester - zumal auf Tournee - gern Wohlbekanntes, lang Erprobtes am Abend spontan belebt und auf Risiko setzt, überraschte auch in Shanghai mit neuen Impulsen. Schon bei den Tondichtungen von Richard Strauss, mit denen Thielemann die "Virtuosität des Orchesters" zur Geltung bringen will und brachte, hatte das Publikum seine Kennerschaft bewiesen. Immer wieder verrieten rhythmisches Kopfnicken, ein Blick oder ein Lächeln an markanten Stellen, dass mancher "Don Juan" und "Tod und Verklärung" nicht zum ersten Mal hörte. Bis zu 300 Euro hatten die Shanghaier bezahlt, um die Münchner Philharmoniker endlich einmal live zu erleben. Bereits vor 14 Jahren hatte es eine Einladung nach Shaghai gegeben, aus der leider nichts wurde. Umso mehr schienen sich jetzt Verantwortliche, Publikum, natürlich auch Musiker und Dirigent zu freuen.

In Hongkong und Taipeh hatten die Philharmoniker vor Jahren schon Station gemacht, nie aber in der Volksrepublik. In Shanghai, dem chinesischen New York, wo Oberbürgermeister Christian Ude an einer Universität den Studenten Einblick in die Münchner Stadtentwicklung vermittelt, nutzten Stadträtin Ursula Sabathil und Stadtdirektor Wolfgang Lippstreu das Gastspiel, um Kontakte zur städtischen Kulturbehörde zu knüpfen.

Irritiert hatte Thielemann die Gastgeber bei der Pressekonferenz am Vortag des Konzertes mit seinem lockeren Outfit. Dass die bunten Bockstreifen-Poloshirts sein Markenzeichen sind, werden die Chinesen beim nächsten Gastspiel wissen. Und vielleicht bieten sie die Hemden dann als Imitate auf dem "Bund", der Prachtpromenade am Fluss, an. Dort beschwören herrschaftliche Kolonialzeitbauten die Vergangenheit herauf, während am anderen Ufer die Wolkenkratzer von Shanghais "Manhattan" den Himmel stürmen. Irgendwo dazwischen ducken sich Garküchen, wo die Nudelsuppe 50 Cent kostet und per Stäbchen schlürfend genossen wird. Von Einheimischen - und natürlich von hungrigen, neugierigen Musikern.

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