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„Man ist ja nicht der liebe Gott“: Filmszene mit Intendant Nikolaus Bachler (li.) und seinem Vorgänger Peter Jonas.

Kino-Dokumentation

Die große Liebe: Film über die Bayerische Staatsoper

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München - Nicht nur mit den Promis auf, sondern mit den vielen anderen neben, hinter und vor der Bühne befasst sich der Film „Ganz große Oper“. Er ist mehr als eine kluge, hintergründige Hommage an die Bayerische Staatsoper - und wurde pikanterweise von einer Art Dienstvorgesetztem gedreht, von Ministerialdirigent Toni Schmid. Hier die Kritik:

Das darf sonst keiner. Noch während des Finales mit dem Kamerateam das Parkett entern, um die letzten Minuten der Aufführung zu filmen. Einem freilich ist’s gestattet, er ist schließlich der De-facto-Hausherr. Toni Schmid, Ministerialdirigent im Bayerischen Kunstministerium und als Intendanten- und Chefdirigentenmacher eigentlicher Herrscher über die Kulturszene, hat einen kommerziellen Film über eine „seiner“ Abteilungen gedreht, über die Bayerische Staatsoper. Die Dokumentation wird an diesem Sonntag als Matinee im Münchner Nationaltheater gezeigt und ab 1. Juni dann auch im Kino. Das hat nicht nur ein G’schmäckle, sondern gleich einen Geschmack.

Was Schmid zugute zu halten ist: „Ganz große Oper“ ist ein kluger, hintergründiger, musiktheaterverliebter Neunzigminüter geworden. Als überdimensionierter Werbe-Clip fürs Münchner Edel-Haus könnte man ihn einordnen. Aber eigentlich geht es auch ums Genre im Allgemeinen, um seine wunderbaren bis wunderlichen Rollenvertreter auf, neben, vor und hinter der Bühne. Und dabei rücken nicht nur die Promis in den Fokus von Roland Wagners Kamera, Intendant Nikolaus Bachler zum Beispiel, dem Vorgänger Peter Jonas auf leerer Bühne sehr vielsagend als Stichwortgeber zur Seite gestellt wird. Garderobenfrauen äußern sich oder Beschäftigte in Malersaal und Kostümabteilung. Man sieht Balletttänzer, wie sie sich ihre mutmaßlich geschundenen Zehen überkleben, oder Kulissenbauer, wie sie leicht genervt von immer neuen Einfällen der Regie berichten.

Es ist eine muntere Sprungprozession durch Gewerke und Genres. Und die schönsten Momente sind die, wenn der Film von der Probe nahtlos und taktgenau auf den Ernstfall Aufführung schneidet: Da kennt einer die Stücke und ihre dramatischen Verlaufskurven schon sehr genau. Die häufigen Schnitte und Schauplatzwechsel machen es dem Zuschauer leicht. Viele Problematiken werden angeschnitten und als leicht verdauliche Themenhäppchen gereicht.

Die eigentliche Zielrichtung von „Ganz große Oper“ ist dabei nicht ganz klar: eine Hommage an Kirill Petrenko? Eine Würdigung von Jonas Kaufmann, der sich hier (ebenso wie Bachler) leichten Dialekteinschlag gestattet? Eine Verbeugung vor Zubin Mehta? Oder vor den unzähligen Helfern abseits des Rampenlichts? Eine Dokumentation der Inszenierungen von „Meistersinger“ und „Maskenball“? Oder doch eine Liebeserklärung an die Oper an sich? Ganz viel möchte Toni Schmids Filmstoffsammlung sein, die sich nach einiger Zeit beruhigt – und der dann prompt, mit längeren Ausschnitten aus Aufführungen, etwas die Luft ausgeht.

Egal, „Ganz große Oper“ ist nicht nur für diejenigen sehr sehenswert, die mindestens dreimal pro Woche die Stufen zum Nationaltheater nehmen, sondern auch ein Appetitanreger für Einsteiger. Für kleine Charakterentblößungen braucht es schließlich keine Vorkenntnisse. „Man ist ja nicht der liebe Gott“, sagt Nikolaus Bachler einmal lachend. Wenigstens hat er es gemerkt.

Der Film wird am Sonntag, 7. Mai, 10.30 Uhr, im Münchner Nationaltheater gezeigt (Telefon 089/ 2185-1920), ab 1. Juni läuft er im Kino.

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