Große Lust auf Weiteres

Julia Jentsch: - Das wird in München ihre vorerst letzte Vorstellung sein: An diesem Samstag zeigen die Kammerspiele noch einmal "Othello", der hier allerdings nicht nur von William Shakespeare ist ­- mit der mittlerweile zum Filmstar avancierten Julia Jentsch (29) in der Rolle der Desdemona.

Seit Sophie Scholl (im gleichnamigen Film von Marc Rothemund) kennt die Welt dieses junge, kostbare Gesicht, und die Berlinerin hat kaum noch Zeit für die Bühne. Auch nicht für die der Münchner Kammerspiele. 2001 hatte sie an diesem Haus ihr erstes Engagement. 2003 spielte sie bereits die weiße Heldin in der schwarzen Liebestragödie. Julia Jentsch über ihren Abschied von der Desdemona, der zumindest vorläufig auch ein Abschied von München ist.

War die Desdemona eine entscheidende Rolle für Sie?

Julia Jentsch: Insofern, als es meine erste Arbeit mit Luk Perceval war, der auf sehr besondere Weise Regie führt, wie ich es vorher nicht kannte. Und es war ­ nach der Renovierung ­ meine erste Arbeit auf der großen Bühne des Schauspielhauses. Das war sehr aufregend und eine große Chance.

War das der Zeitpunkt, als auch die Filmproduzenten auf Sie aufmerksam wurden?

Jentsch: Ach, ich weiß nicht, das ist kaum zu durchblicken. Manchmal werden die Regisseure durch kleine Rollen auf einen aufmerksam. Diese Inszenierung hat das Publikum ja sehr gespalten, bei der Premiere wurde gebuht, manche Leute waren sofort begeistert. Das hat uns überrascht. Dabei hatte die Probenarbeit schon eine so besondere Bedeutung gehabt.

Hat sich Ihre Desdemona für Sie mit der Zeit verändert?

Jentsch: "Othello" ist ohnehin jeden Abend anders. Die Inszenierung lässt uns großen Freiraum, das liegt auch an der improvisierten Klaviermusik. Sie beeinflusst uns Schauspieler stark, aber auch der Pianist reagiert auf unsere Energie auf der Bühne. Dadurch entstehen immer wieder eine andere Intensität und Lautstärke. Ich weiß nicht, ob die Inszenierung dadurch besser geworden ist, aber sie ist mehr und mehr zusammengewachsen.

Kommt Abschiedsschmerz auf vor der "vorläufig letzten" Vorstellung?

Jentsch: Ja. Vorläufig heißt ja, die Zukunft der Inszenierung ist nicht gewiss. Es würden aber alle gerne weiterspielen. Da ich die Inszenierung persönlich sehr mag, habe ich die Hoffnung, dass wir sie doch noch ein paar Mal bringen können. Ich freue mich jetzt jedenfalls, die Kollegen wiederzusehen.

Sie haben inzwischen in Hamburg Theater gespielt, in Peter Zadeks Inszenierung "Der bittere Honig". Sind Sie auch bei "Was ihr wollt" dabei, das er jetzt für die Wiener Festwochen macht?

Jentsch: Nein, da bin ich nicht dabei. Ich weiß momentan gar nicht genau, wie es weitergeht. Wegen Filmprojekte, die sich seit einem halben Jahr schon verschieben, habe ich gar keine Theaterproduktionen angenommen.

Welche Filmprojekte sind das?

Jentsch: Solange es noch nicht sicher ist, will ich lieber nichts verraten.

Aber Neuinszenierungen mit Ihnen in München sind nicht ganz abgeschrieben?

Jentsch: Von mir aus überhaupt nicht. Ich will unbedingt wieder an den Kammerspielen arbeiten, ich mag dieses Theater wahnsinnig gern, das Ensemble und die Regisseure. Ich habe große Lust, hier weitere Regiestile kennenzulernen.

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