Große Menschlichkeit

- Auch wenn der 1781 in München uraufgeführte "Idomeneo" noch in den "Gewändern" der Opera Seria steckt, so blitzt doch an allen Ecken schon das hervor, was Mozarts späteren Opern ihre Gipfelstellung sichert: Menschlichkeit. Wie sehr es dem 25-Jährigen gelang, das barocke Affekt-Korsett zu sprengen und musikalisch in eine psychologische Feinzeichnung vorzudringen, offenbarte Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern und einem vortrefflichen Ensemble bei den Salzburger Osterfestspielen, in einer aufgelockert konzertanten Aufführung.

Von Beginn an fächerte Rattle die Partitur auf, löste eine Fülle von Stimmen und Details heraus, so dass man glaubte, auf seinem Pult läge ein dickeres Notenbuch als gewöhnlich. Akribisch spürte er jeder (Klang-)Geste nach, auch wenn es nur ein Seufzer in den Celli, ein kurzer Stakkato-"Lacher" in einer Oboensequenz war. Doch diese Genauigkeit, mit der er auch dynamisch die Musik ausleuchtete, wirkte nie trocken akademisch. Sie wurde befeuert von einer sicht- und hörbaren Lust am Musikmachen. Dabei folgten die fabelhaften Berliner ihrem Maestro in jede noch so winzige Beschleunigung, jede Verzögerung, entwickelten eine staunenswerte, hochspannende Eloquenz. Der Orchestersatz wirkte oft wie ein schimmerndes Futteral, aus dem sich die Singstimmen lösten, zuweilen zauberhaft sekundiert von den vorweisenden oder nachtupfenden Holzbläsern. Zuweilen bebte das Orchester nach, oder jedes Instrument litt mit am Seelensturm der Elektra.<BR><BR>Die Berliner musizierten wundervoll und überführten ihre Perfektion in eine bezwingende Natürlichkeit. Mit ihnen gelang die Expedition in riskante Piano-Regionen, denn die Musiker atmeten mit, sodass die Sänger die tiefe Zerrissenheit der Mozart-Menschen ausleben konnten. Am erstaunlichsten die ungeliebte Elektra. Anne Schwanewilms outete sich in ihrer von Liebe getragenen Arie "Idol mio" als Ilias Schwester, deren sanfte Töne - anfangs von Eifersucht umzüngelt - erst am Schluss metallisch aufflackerten. Doch selbst da kippten Wut und Enttäuschung noch um in eine fast somnambule Verwirrung.<BR><BR>Im Widerstreit ihrer Gefühle leben auch Ilia, der Christiane Oelze zart schwebende, innige Soprantöne lieh, und Idamante, den Magdalena Kozena mit biegsamem, farbigem Mezzo aus Resignation und Verzweiflung ins Glück sang. Die drei jungen Damen bescherten Mozart-Genuss pur, dem Philip Langridge in der Titelrolle trotz Ermüdungserscheinungen als intelligenter Stilist begegnete. Peter Hoares intensiver Arbace, Jonathan Lemalu (Orakel), Ian Caley (Oberpriester) und die frischen Stimmen der European Voices rundeten den Abend zum Fest.<BR>

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