Große Oper – in Bildern

München - Die Porträtgalerie berühmter Sänger im Münchner Nationaltheater wurde um zeitgenössische Arbeiten erweitert. Große Oper gibt es jetzt nicht mehr nur auf Bühne.

Bariton Wolfgang Koch als Video-Installation, Tenor Peter Seiffert als Leuchtkasten-Foto und Sopranistin Astrid Varnay in Feinstickerei – alles, was die zeitgenössische Kunst so zeitgenössisch macht, gibt es jetzt auch in der Münchner Oper. Zum 50. Jahrestag seiner Auferstehung aus Kriegsruinen hat das Nationaltheater seine Porträtgalerie berühmter Sänger kräftig modernisiert: 19 alte Bilder wanderten ins Depot, dafür wurden 21 Opernstars von heute von 21 Gegenwartskünstlern porträtiert (wir berichteten).

Und da der theatralische Schein nun mal das Wesen der Bühnenkunst ausmacht, ist es nur konsequent, wenn – bei allen stilistischen Unterschieden – auffallend viele der neuen Bilder dieses Wechselspiel von Schein und Sein thematisieren: Marc Brandenburgs Porträt von Lucia Popp zeigt die Sopranistin im Rokoko-Kostüm und scheint auf den ersten Blick das Negativ eines Schwarz-Weiß-Fotos zu sein. Aber wer genau hinschaut, erkennt – eine Bleistiftzeichnung.

Ein absurder Knaller ist natürlich das Riesenbild des Amerikaners David LaChapelle. Sein Porträt von Diana Damrau kommt bewusst als Kitsch-Inszenierung daher und zeigt die Sopranistin als blonde Fee, die Wasser auf einen nackten Männerkörper gießt, der leichenfahl zu ihren Füßen liegt. Der Witz dabei: Was aussieht wie das gemalte Plakat für eine Fantasy-Filmschnulze, ist in Wirklichkeit eine Foto-Kolportage. Wenn dann Waltraud Meier gleich von dem Modefotografen Joachim Baldauf in exzentrischer Model-Pose abgelichtet wird, als solle sie die Seiten eines Hochglanz-Magazins schmücken, kann man darin eine ironische Anspielung sehen auf die Vermischung von Hoch- und Glamour-Kultur. Dass Vik Muniz’ Porträt von Anja Harteros schließlich das Überzeugendste dieser Vexier-Bilder darstellt, erkennt man erst vor dem Original. Denn das Foto der Sopranistin ist aus winzigen „Mosaiksteinchen“ zusammengesetzt, von denen man nicht weiß: Sind es Diamanten und sonstige Klunker, oder ist es eine Luftaufnahme der berüchtigten Plastikmüll-Teppiche auf den Weltmeeren?

Sicher, nicht alle der neuen Bilder sind auf diesem Niveau angesiedelt oder gar Meisterwerke für die Ewigkeit; manche gehören eher in die Rubrik Theaterdonner. Aber der Clou der veränderten Porträtgalerie ist ja ohnehin das Gesamtensemble: Wie sie da frisch, frech und (teils) bunt zwischen den biederen Repräsentations-Schinken von anno dazumal in den Foyers hängen – das macht die zeitgenössischen Werke zur echten Wohltat. Auch wenn man zugeben muss, dass sie in diesem Umfeld natürlich leichteres Spiel haben als im Museum.

Auf jeden Fall tut das „Facelifting“ einem Opernhaus gut, das auf der Bühne avancierte Zeitgenossenschaft bieten will. Denn wie sagte Intendant Nikolaus Bachler, als er die neue Porträtgalerie vor Münchens versammelten Millionären (also den Sponsoren des Projekts) und der Presse vorstellte: Ein Theater sei nie bloß Gebäude, sondern immer auch die „Hülle“ für das, was auf der Bühne geschieht, also selbst schon eine Art Inszenierung. Große Oper eben...

Alexander Altmann

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