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„Emotion darf nie das Können verdrängen“: Inge Borkh (1921-2018).

NACHRUF

Sie war Lava auf der Bühne: Zum Tod von Inge Borkh

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Sie war die erste Hochdramatische der Opernmoderne und schrieb als Salome Aufführungsgeschichte: Ein Nachruf auf Inge Borkh

Stuttgart/ München - Noch gar nicht so lange ist das her, genauer gesagt fünf Jahre, da war es schwer, bei ihr einen Termin zu bekommen. „Hier habe ich ein Interview, da noch eins, dann fahre ich zu einer Premiere, danach reise ich zum Liederabend von Christian Gerhaher….“ – so in etwa hörte sich das damals am Telefon an. Im Herbst 2013 war Inge Borkh plötzlich wieder sehr gefragt. Alle wollten von ihr wissen, wie das damals war, exakt 50 Jahre zuvor, als sie zur Wiedereröffnung des Münchner Nationaltheaters die Färberin in der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss, nein, nicht sang, sondern mit Haut, Haaren und bis zur letzten Faser verkörperte.

Selbstverständlich ist dann die Borkh zur Festvorstellung jener Oper an die Isar gereist. Immer wieder ward sie im Nationaltheater gesichtet. Sie hatte es ja nicht so furchtbar weit, zweieinhalb Zugstunden von Stuttgart, wo sie seit über drei Jahrzehnten im dortigen Augustinum wohnte. Am Neckar ist Inge Borkh am Sonntagvormittag auch gestorben, 97 Jahre alt wurde diese einst modernste Sopranistin unter den Hochdramatischen. Modern? Weil sie vielleicht die erste war nach dem Krieg, die Colliergriff, Handrücken an die Stirn, Salzsäulen-Haltung an der Rampe, also alle diese hilflosen Stereotype der Kolleginnen und Kollegen verachtete. Und ihre Konsequenzen zog: Wenn die Borkh ihre Paraderollen Elektra, Salome oder Färberin lebte, schien sich Lava auf die Bühne zu ergießen.

Bei ihrer Salome wurden die Choreografen blass

Und doch: Wer Inge Borkh, die am 26. Mai 1921 in Mannheim als Ingeborg Simon zur Welt kam, so erlebte, der kannte sie trotzdem nicht. „Jeder Künstler muss lernen, dass er auf der Basis echter Gefühle Kunst macht“, sagte sie im persönlichen Gespräch. „Emotion darf nie das Können verdrängen.“ Schließlich habe Gründgens einst empfohlen: „Nach der größten Rolle muss ich fühlen können, dass meine Achselhöhlen trocken sind.“

Nicht überraschend, dass diese singuläre Frau zunächst als Schauspielerin und Tänzerin begann – und nach ihrem frühen Karriere-Ende 1973 zum Sprechtheater zurückfand, sogar Kabarett riskierte. Selbstverständlich übernahm sie den Tanz der sieben Schleier in Strauss‘ „Salome“ höchstselbst und lehnte es ab, sich wie damals üblich von einer Tänzerin doubeln zu lassen. Und angesichts ihrer Intensität, ihrer unverhohlen ausgestellte Erotik wurden selbst gestandene Choreografen blass.

Die ersten Jahre ihrer Karriere verbrachte Inge Borkh in der Schweiz – zwangsweise. 1933 musste sie wegen der jüdischen Herkunft ihres Vaters Mannheim verlassen, die Familie lebte zunächst in Genf. Ihr erstes Engagement hatte sie in Basel, dann kam Bern. Ganz aufs lyrische Fach war sie zunächst abonniert, doch die Fesseln von Mozarts Pamina sprengte Inge Borkh bald: Als Puccinis Tosca oder Wagners Senta fühlte sie sich wesentlich wohler.

Wer Inge Borkh in ihrer kleinen Stuttgarter Wohnung besuchte, sah sich in ein Museum eindringen. Rollenfotos, Platten, sehr viele auch von ihrem Mann, dem 1991 gestorbenen Bassbariton Alexander Welitsch. Doch eine dieser Ex-Diven, die nur in der eigenen Vergangenheit existierten, war die Borkh gerade nicht. Über alles in der aktuellen Opernszene wusste sie Bescheid. Vor allem dank ihrer Reisen – und dank vieler Sängerkontakte. Ein wenig betrachtete sie Christian Gerhaher als ihren Schützling, deshalb fuhr sie zu fast allen erreichbaren Konzerten und Opernauftritten.

Selbst als das Augenlicht nachließ und Inge Borkh fast blind war, mochte sie nicht im Augustinum bleiben. Und wer miterlebte, wie sie immer wieder bestürmt wurde bei ihren Auftritten im Publikum, der ahnte: Ein besseres Lebenselixier gab es für dieses früher fast unberechenbare Bühnentier nicht. Natürlich machte sich Inge Borkh dank der zahlreichen Live-Eindrücke auch viele Gedanken über den Zustand der Opernregie. Modern oder nicht, das war ihr egal. Wahrhaftigkeit, das war ihr Credo, egal, in was Sänger und Szene gekleidet waren.

„Ich fand es schrecklich, wenn Sänger zum Regisseur sagten, dass sie an dieser Stelle immer von der rechten Seite gekommen sind“, konnte sich die Borkh ereifern. „Wie beim Doktor, wenn der Patient meint: Ich habe in der Illustrierten gelesen, dieses Mittel ist toll.“ Umso mehr schätzte sie die Menschenkenner und Rollenversteher wie Christof Loy. Und umso weniger begriff sie, warum sich junge Sänger nicht genügend mit der jeweiligen Oper auseinandersetzten. Hautnah bekam sie das mit, als Pädagogin und Ratgeberin. „Ja haben sie sich denn keine Gedanken darüber gemacht, wenn diese Frau auf den Mann ihres Lebens trifft?“ Solches bekam der verdatterte Nachwuchs regelmäßig zu hören.

Übermenschliche Frauengestalten waren ihre Wohlfühlpartien

In den Frauengestalten von Richard Strauss, in fast übermenschlichen Partien wie Medea, Turandot oder Lady Macbeth konnte sich Inge Borkh am besten ausleben. Platten-Mitschnitte spiegelten das nur zu einem Teil wider. Auch wenn besonders die „Salome“ mit Josef Keilberth in einer Produktion der Bayerischen Staatsoper im CD-Schrank jedes Opernfans stehen sollte: Für die Mikrofone war das, was Inge Borkh gelang, zu groß – und damit ist nicht nur die Dimension ihres Soprans gemeint.

Die Titel ihrer beiden Bücher – die Autobiografie „Ich komm‘ vom Theater nicht los“ und der Interviewband „Nicht nur Salome und Elektra“ – trafen Wesen und Selbstverständnis dieser Sängerin auf den Punkt. Und doch fasste sie 1973 mit bemerkenswerter, fast kühler Reflexion die Lebensentscheidung. Nach einer „Elektra“ in Palermo, als es technische Probleme gab, sagte sie der Oper Adieu. Auch damit war Inge Borkh eine Vorreiterin, gehörte sie doch zu den wenigen Sängerin, die sich schwindende Kräfte eingestanden und die Konsequenzen zogen.

Brigitte Fassbaender, Julia Varady, Catarina Ligendza, mehr ähnlich gestrickte Kolleginnen gab es eigentlich nicht. „Es hat mir immer wehgetan, wenn ich Sänger hörte, die nachließen. Das wollte ich unter keinen Umständen erleben.“ Am Bühnenleben nahm Inge Borkh ja trotzdem noch teil. Wenn sie von einer interessanten Produktion Wind bekam, musste sie hin – und äußerte gegebenenfalls ihr Missfallen. Nicht mit Buhs, das fand sie zu verletzend. „Ich rufe hinein: So nicht! Da kriege ich noch Töne heraus wie als Elektra.“

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