Das große Verderben

- Bekommen die Schauspieler eigentlich Tantiemen? An den Münchner Kammerspielen wäre das nur gerecht. Nach dem fröhlichen "Schändet eure neoliberalen Biografien" im Neuen Haus sind sie jetzt auch in "Lulu live" weitgehend Mitautoren des neuen Stücks. Die Verfasser-Angabe im Programmheft aber lautet: "Nach Wedekind/ Zaimoglu/ Senkel". Dabei tragen in diesen beiden Produktionen mehr als bei jeder literarischen Vorlage die Schauspieler ihre Haut sozusagen ungefiltert zu Markte.

Sie tun ihre Meinung kund zum jeweiligen Thema des Abends. Bei den "Neoliberalen Biografien" auf dem Ulk-Niveau von Schülerkabarett. Bei "Lulu live" aber bestimmt eine radikale Ernsthaftigkeit die Preisgabe ihres persönlichen Ichs.

Animator, Motor ist Regisseur Luk Perceval. Der las Frank Wedekinds "Lulu" und fand, der Skandal der Prostitution, der vor 100 Jahren die bürgerliche Welt bloßstellte und dadurch die Öffentlichkeit erschütterte, ist heute ein anderer; der Konflikt hat sich verschärft, ausgebreitet. Zur Prostitution kommt die Pornografie - als Instrument der Macht national, global. Ein Wirtschaftsfaktor an vorderster Front. Wachstumsorientiert. Und der Standort Deutschland ist diesbezüglich kein schlechtes Pflaster. Jeder weiß es, aber niemand will es wissen. Luk Perceval und sein Team räumen damit auf. Sie möchten aufklären, erzählen von den heutigen "Lulus" und ihrer sexuellen Ausbeutung.

Das Autoren-Duo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sind in den entsprechenden Chatrooms des Internets fündig geworden, haben die dort abrufbaren Texte der Kunden eins zu eins für diese neue "Lulu" verwendet. Da sie unsäglich sind, werden sie in der Aufführung nicht gesprochen. Sondern "nur" auf die große, bühnenbreite Leinwand geschrieben. Darin aber liegt der Widerspruch, liegt die Fragwürdigkeit dieser Inszenierung: Prostituiert sich das Theater damit nicht selbst? Wird es nicht Nutznießer dessen, was es anprangert? Ist durch die öffentliche Proklamation sexistischer, gewalttätiger Männerfantasien nicht auch der geschäftliche Erfolg kalkuliert? Dass dieser Abschaum die Aufführung dennoch nicht dominiert, sei hier aber auch gesagt. Denn die Texte laufen sich tot, man schaut nicht mehr hin.

Vor und hinter dieser Leinwand gibt's nämlich noch ein anderes Spiel. Da die direkte Darstellung von Sex und Gewalt auf der Bühne meist nur lächerlich wirkt, münzt Perceval das Theaterspiel um zu Schattenriss und Videokunst. Der Blick quasi hinter den Vorhang gibt die Banalität des Huren-Alltags frei. Die hier nur als Silhouette auftretenden Akteure sind zwischen 60 und 16. Sie spielen keine Rollen, nennen sich beim Vornamen, bringen sich selbst ein, wollen authentisch sein. Sie erzählen in ihrer eigenen, sehr privaten Sprache von kleineren und größeren Problemen - von zerstörter Ehe und Übergewicht; von Bauch, Beine, Po; von Zahnbrücke und Beerdigungskosten; von Marina Vlady und Gina Lollobrigida; von Pflegefällen und Pflegeversicherung; von schwul gewordenen Ehemännern und ungeliebten Söhnen.

Dazwischen - und das sind dann doch die besten Momente des Abends - ein bisschen Handlung als Bezugspunkt zum Wedekindschen Original: Die älteste "Lulu" (Hildegard Schmahl) verzehrt sich vergebens nach einem Pikkolo. Die Alkoholikerin verreckt elend. Die Jüngste (Henriette Schmidt), fast ein Kind noch, anmutig und unschuldig, wird als Frischfleisch für den Chatroom eingewiesen in das große Verderben. Eine kleine Kitschgeschichte gestattet Luk Perceval Julia Jentsch als "Lulu": Sie darf lieben und ausbrechen.

 Einer der Männer (Peter Brombacher) gibt sich als ihr Ziehvater zu erkennen und streift damit fast anrührend das bei Wedekind geschilderte Verhältnis Lulus zu Schigolch.

Das alles ist ästhetisch formvollendet, hat meistens Geschmack, bei Annette Paulmann sogar Witz. Insgesamt aber ist diese Aufführung recht langweilig. Denn die moralischen Befindlichkeiten der Schauspieler, auf der Bühne privat geäußert, sind in dem Moment ihrer Erhebung zur "Kunst" leider ganz uninteressant. Trotzdem, die Frage der Tantiemen ist eine berechtigte.

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