Die große Verführung

- Große Frauen. Tolle Paare. Gute Stücke. Interessante Inszenierungen. Den Urlaub haben sie sich redlich verdient. Münchens Sprechbühnen haben nach einer Hochdruck-Spielzeit ihre Pforten geschlossen. Theaterferien.

<P>Lassen wir Revue passieren, was war, dann bleibt zum Glück vor allem das Gelungene in Erinnerung. Und das findet sich an allen drei Häusern: dem Bayerischen Staatsschauspiel, den Münchner Kammerspielen sowie am Münchner Volkstheater. Die Konkurrenz also ist groß. Aber Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Das Publikum ist der Profiteur.</P><P>Am meisten in Dieter Dorns Staatsschauspiel. Eine gewichtige Produktion nach der anderen. Nicht jede leicht zu konsumieren. Dennoch, die Zuschauer stürmten besonders das Residenztheater, das seine Führungsrolle in dieser Stadt auch wieder in der soeben zu Ende gegangenen Saison 2003/ 2004 glatt behauptet hat. Kein Star-Theater, aber ein Theater, das die Besten versammelt, um gemeinsam auf Spurensuche zu gehen nach der für heute gültigen Wahrheit. Menschenerforschung. Die Ungereimtheiten des Charakters und der Seele bloßlegen. Identität schaffen im Konflikt zwischen der gesellschaftlichen Norm und dem gefühlten Sein. Erkenntnis vermitteln. Ach-so-Erlebnisse verschaffen. Dafür tritt das Ensemble immer wieder aufs Neue an.</P><P>Zwischen Norm, Gefühl und Erkenntnis</P><P>In Dieter Dorns Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" leistet es das alles auf hervorragende Weise. Ebenso in Racines schwieriger "Phädra" in der Regie von Barbara Frey. Auch in Goethes "Clavigo", den Elmar Goerden sehr intim auf die schmale Spielfläche im Theater im Haus der Kunst gebannt hat. Die Titel "Nathan der Weise", von Goerden mutig und manchmal auch nur modisch inszeniert, sowie "Mutter Courage" in der routinierten Regie von Thomas Langhoff sind wohl vor allem der Spekulation auf ein ausverkauftes Haus zu verdanken. Nach diesem Lessing und jenem Brecht besteht immer Bedarf. Und es ist durchaus nicht verkehrt, dass das subventionierte Theater auch einer Bildungspflicht gegenüber der jungen Generation nachkommt.</P><P>Mit dieser Aufgabe haben die Kammerspiele Frank Baumbauers nichts am Hut. An der städtischen Bühne wird mehr danach geschielt, in Hamburg als topmodern zu erscheinen, als beim hiesigen Publikum etwas zu gelten. Es ist Tatsache: Die Kammerspiele sind für Münchner Verhältnisse schlecht besucht. Dabei übersehen die Verweigerer des so genannten neuen, des Baumbauer-Stils, dass sich auch hier lohnende Entdeckungen machen lassen.</P><P>Denn es gibt auch in diesem Haus Aufführungen, in denen es nicht marktschreierisch und neunmalschlau um Thesen geht, sondern leise und differenziert um Menschen in ihren Widersprüchen. Dabei nimmt Claudels "Mittagswende" in der Regie von Jossi Wieler einen Spitzenplatz unter allen Münchner Neuinszenierungen der Saison 2003/ 2004 ein. Ebenso was die schauspielerische Qualität der Protagonisten betrifft. Auf die Schwierigkeit der einzelnen Charaktere hat sich auch Lars Ole Walburg eingelassen, als er Sophokles "Antigone" in Szene gesetzt hat.</P><P>Den sehr viel leichteren Weg des Alleszukleisterns, indem man ein Stück seiner eigenen, unbedarften Meinung unterordnet und ihm unsinnig Fremdtexte überstülpt, ging Sebastian Nübling mit Schillers "Don Karlos". Mögen diese Aufführung durchaus auch einige amüsant finden: Sie bleibt doch nur trauriges Dokument aufgeblasenen Unvermögens.</P><P>Nennenswerte zeitgenössische Produktionen gab es in dieser Kammerspiele-Saison ebenso wenig wie im Bayerischen Staatsschauspiel. Bei Baumbauer wurde selbst aus Heiner Müller ein Klassiker, der sich nach Belieben aus seinem konkreten Umfeld herauslösen lässt. Das jedenfalls glaubte Johan Simons, als er dessen "Titus"-Adaption in eine nur scheinbar spektakuläre Gegenwarts-Version hievte. Wer das Stück nicht kennt, versteht hier nur Bahnhof. Aber auch Bahnhöfe sollen ja ihren Reiz haben.</P><P>So kompliziert kopfig gibt sich Christian Stückls Volkstheater nicht. In der zweiten Saison unter seiner Leitung hat es sich seinen Platz in dieser Stadt erobert - als ein spielfreudiges, junges, wirklich wagemutiges Ensemble, das sich scheinbar unbekümmert und immer auch absturzgefährdet auf eine halsbrecherische Gratwanderung begibt. Die schönste Aufführung: Jorinde Dröses Versuch mit Shakespeares "Was ihr wollt". Die anrührendste: Gil Mehmerts Version von Falladas "Kleiner Mann - was nun?". Die volkstümlichste: Christian Stückls "Räuber Kneißl"-Ballade. Und die interessanteste, wenn in diesem Haus auch befremdlichste: Albees "Ziege oder Wer ist Sylvia", ebenfalls von Stückl inszeniert. Es hat sich herumgesprochen: Hier kann man dabei zusehen, wie sich junge Schauspieler zur ersten Garde hin entwickeln. Bei Brigitte Hobmeier zum Beispiel zeigt gar manch Münchner Intendant Begehrlichkeit. Für die gagenmäßig unterfinanzierten Darsteller eine große Verführung.</P>

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