Die große Wundertüte

- Welch Kontrast. Züchtiges, Wehmutsvolles in sparsamer Klang-Korona zum Festspiel-Start ("Rodelinda"), tags darauf öffnete die Staatsoper ihre große Wundertüte: viereinhalb Stunden Verdi-Wonnen, geschätzte 300 Menschen beim Autodafé, im Graben Dezibelausschläge bis zur Schmerzgrenze und Solisten, bei deren Namensnennung der Fan lustvoll aufstöhnt.

<P>Auf dem Papier also die Bestbesetzung für "Don Carlo" - und live? Auch, mit Einschränkungen. Wer allerdings glaubte, das versammelte Star-Personal werde sich überbieten in Lautstärke, Töne-Stemmen und ähnlichem Zierrat, sah sich überrascht. Ramon Vargas (Titelpartie), Miriam Gauci (Elisabeth), Violeta Urmana (Eboli) und Matti Salminen (Philipp) speisen ihre Kunst aus Stilsicherheit, Kultur und technischer Tadellosigkeit, trompeten sich nicht durch eine Olympiade der Eitelkeiten. Vor allem Vargas, der die gewaltige Partie (eine der längsten Tenor-Rollen im italienischen Fach) mit überlegener Gestaltungsarbeit auffaltete - passend zu seiner Elisabeth, bei Miriam Gauci die lyrisch Verzagte, die sich vor allem auf ihre berückenden, flötengleichen Spitzen verließ.</P><P>Dass sich dramatischer Aplomb eben doch mit Schönklang verbinden lässt, führte Violeta Urmana (Eboli) vor, deren satter Mezzo in Elisabeth-Lagen drängt. Matti Salminen muss als einschüchternder Philipp keine Bass-Konkurrenz fürchten, die Stimme scheint sich mittlerweile bei Verdi gar wohler als bei Wagner zu fühlen.</P><P>Paolo Gavanellis Posa bleibt ein Grenzfall. Mit seinem schmiegsamen Bariton gefällt er sich in Säusel-Phrasen und geschmäcklerischen Farbenspielen, wäre damit aber bei Donizetti besser aufgehoben, überdies unterliefen ihm anfangs schauerlich tiefe Momente. Platz eins auf der Dynamikskala wurde von Paata Burchuladze (Großinquisitor) mühelos verteidigt _ abgesehen vom robusten, diesmal fast stets präzisen Chor.</P><P>Zubin Mehta fand für die emphatischen Duette den rechten Ton, schürte in Massenszenen und Aktschlüssen effektvolles bis beängstigendes Feuer, neigte manchmal aber zu schleppenden (Sicherheits-)Tempi. Jubelorkane eines wie ausgehungerten Hauses, das von der Regie mit edler Szenerie nicht provoziert, sondern verwöhnt wurde: Kein Ketzer stirbt so schön wie bei Jürgen Rose.<BR><BR></P>

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