Die Großeltern der Popmusik

- München - Der Name der Band war zu sperrig für eine internationale Karriere. Also spannten die vier Schweden die Leserschaft einer Illustrierten ein, um etwas Griffigeres zu finden als "Björn & Benny, Agnetha & Anni-Frid". Es gingen Vorschläge ein wie "Friends and Neighbours", "Alibaba" und "Baba". Doch die Gruppe hatte ihren eigenen Favoriten, und diesen Namen setzte sie denn auch durch: Abba.

<P>1974 gewann die Zwei-Mann-zwei-Frau-Combo aus Schweden mit "Waterloo" den europäischen Schlager-Grand-Prix, und für die Öffentlichkeit war die Geschichte von Abba immer eine Von-null-auf-hundert-Weltkarriere. Eine, die auch nicht zu Ende geht: 21 Jahre nach dem letzten Album ist Abba immer noch präsent. Revival-Bands geben Abba-Shows, das Musical "Mamma Mia" huldigt ihrem Schaffen.</P><P>21 Jahre nach dem letzten Album ist Abba immer noch präsent</P><P>Abba hat so viele Tonträger verkauft wie die Beatles und Elvis, alle Mitglieder, die zwei A's und B's, haben ausgesorgt - und dennoch: Melancholie umgibt die vier Menschen, die die Musik schufen, die zeitlos glücklich macht. Über Abbas dunkle Seite berichtet der schwedische Schriftsteller Carl Magnus Palm in einer 638 Seiten starken Biographie des Quartetts: "Licht und Schatten". Eine Sammlung von bislang auch unter Abba-Fans unbekannten Fakten.</P><P>Lange waren Abba keine nationalen Helden in Schweden. Das Land feierte Tennisstar Björn Borg und Skifahrer Ingemar Stenmark. Doch seine musikalischen Botschafter schwieg es tot. Im Rundfunk gab es kaum Abba zu hören, das antikommerzielle, gewerkschaftlich organisierte "Music Movement" geißelte Abba: nicht links, nicht intellektuell, die Texte - bisweilen auch mal grammatikalisch fehlerhaft - belanglos. Zwei Jahre nach dem Grand-Prix-Sieg zog sich Schweden unter dem mächtigen Druck des "Music Movement" aus dem europäischen Songwettbewerb zurück. Studiomusiker, die mit Abba zusammenarbeiteten, wurden geächtet: Ein Percussionist, den sie für eine Tournee verpflichten wollten, musste wieder absagen - seine Frau hatte ihm mit Scheidung gedroht, falls er sich mit Abba einließe.</P><P>Die Akzeptanz, die Abba zu Hause erst nach und nach fand, musste die Band sich im Ausland erwerben. Holland, Belgien, Deutschland, Australien - das wurden die ersten Kernmärkte. Polen gab 1976 sein gesamtes Staatsbudget für den Import westlicher Popmusik aus, um 800 000 Stück der Langspielplatte "Arrival" zu erwerben. In England haftete Abba zunächst der Ruf an, eine typische Grand-Prix-Gruppe zu sein, die man bald vergessen würde - doch das Image änderte sich mit acht Nummer-eins-Titeln in Folge und den Konzerten in Londons Royal Albert Hall. Fassungsvermögen 7000 - doch es gingen 1,5 Millionen Kartenanfragen ein. Jetzt war Abba wer. </P><P>Mit ebenso namhaften wie überraschenden Fans: den wilden Punkern der Sex Pistols, mit Led Zeppelin oder Pete Townshend, Kopf von "The Who", der Abbas "SOS" den "besten Popsong aller Zeiten" nannte.</P><P>Unter ihrem Manager Stig Anderson wuchs die Gruppe zum Konzern, handelte mit Öl und Fahrrädern, ihre Schallplattenfirma "Polar Music" ging an die Börse. Selbst der schwedische Spitzensteuersatz von 85 Prozent konnte nicht verhindern: Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid wurden reich.</P><P>Agnetha - blonder Blickfang mit dem erotischsten Po im Pop</P><P>Doch auch glücklich? Ausgerechnet Agnetha, der blonde Blickfang mit dem "erotischsten Po im Pop", so eine australische Zeitung, begann den Glamour zu hassen, den sie verkörperte und nach dem sie gestrebt hatte, als sie in den 60er-Jahren zu Talentwettbewerben fuhr und sich auch auf dem deutschen Schlagermarkt versuchte. Sie war kurzzeitig mit dem deutschen Komponisten Dieter Zimmermann verlobt, der für sie Titel schrieb, die so furchtbar klangen wie sie hießen - etwa "Senor Gonzalez". </P><P>Abba brachte ihr den Erfolg, den sie als Solistin nicht hatte. Agnethas Einsatz dafür war aufopferungsvoll: 1973, ein Jahr vor "Waterloo", trat sie mit Abba schon einmal zur schwedischen Grand-Prix-Vorausscheidung an (man wurde mit "Ring Ring" nur Dritter) - höchst schwanger, am Tag, der als Entbindungstermin errechnet worden war.</P><P>Wegen ihrer zwei Kinder und wegen Flugangst ging sie später nur widerwillig auf Tournee, keine durfte länger als zwei Wochen dauern. Um weniger reisen zu müssen, schickte Abba zu PR-Zwecken Filmchen zu ihren Songs um die Welt - die Kunstform des Musik-Videos geht auf die vier Schweden zurück.</P><P>Schließlich zerbrach die Ehe zwischen Agnetha und Björn (1978) - und dann noch die zwischen dem zweiten A und B, zwischen Anni-Frid und Benny (1981). Die Mitglieder der Gruppe entfremdeten sich, Abbas Ende war zwangsläufig: 1982 letzte Aufnahmen, 1984 auch das vertragliche Ende. Die Männer fixierten sich auf ihr Musical-Projekt "Chess", die Frauen starteten Solo-Karrieren, die kurz blieben. Agnetha verstrickte sich in Beziehungen, die schnell zerbrachen. Sie gab sogar dem Werben des Holländers Gert van der Graaf nach, der sich als Achtjähriger am Bildschirm in sie verliebt hatte und seitdem ihre Nähe sucht. Agnetha benötigte später einen Gerichtsbeschluss, um ihren Fan wieder auf Distanz zu bringen.</P><P>Distanz, wie sie sie auch zur Musik schuf. Ausgebrannt vom Komponieren (etwa ihren Solohit "I won't let you go" hatte sie selbst geschrieben) und der Arbeit im Studio und auf der Bühne zog sich Agnetha völlig zurück. Zehn Jahre lang sang sie nicht, hörte keine Musik, besaß nicht einmal eine Stereoanlage. Ihr rothaariges Pendant Anni-Frid gab ihre Musikkarriere zugunsten ihres neuen Ehemannes Prinz Heinrich Ruzzo Reuss von Plauen, eines deutschen Golfplatzbauers, auf. Sie war nun Prinzessin. Doch auch über ihr Leben legte sich ein Schatten: 1998 starb ihre Tochter, 1999, erst 49-jährig, ihr Mann.</P><P>Björn ist jetzt 58, Anni-Frid 57, Benny 56, Agnetha 52 - doch Abba ist eine Endzwanziger-Band geblieben. 2000 wurde den vier eine Milliarde US-Dollar geboten für eine Wiedervereinigung mit Welttournee, sie lehnten ab. "Das ist es nicht wert, ein Jahr unseres Lebens zu opfern", sagte Björn. Sie sangen nur noch einmal, 1999, auf der Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin zusammen - ein Volkslied. Alle sind sie Großeltern und über die Popmusik hinausgewachsen.</P><P>Björn und Benny haben noch ein zweites Musical geschrieben, 1996 war das, "Kristina fran Duvemala", eine schwedische Emigrantengeschichte, die nur in den skandinavischen Ländern aufgeführt wird. Doch auch zwischen den einstigen Köpfen des Projekts Abba gibt es kaum noch Gemeinsamkeiten. Jeder geht seinen Weg. Aus Abba wurden wieder Björn, Benny, Agnetha und Anni-Frid.</P><P>Carl Magnus Palm: Licht und Schatten. Abba - Die wahre Geschichte. Bosworth-Edition, 638 Seiten, 34,95 Euro.<BR></P>

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