Ein großer Menschenkenner und Stilist

- "Er (der Tee) ist die Mutter der Konversation und des Feuilletons, wie der Kaffee der Vater der Diskussion und des Romans." Wer mehr wissen will über den Charakter der Getränke, der lese, Lustgewinn garantiert, das soeben erschienene Buch von Sebastian Haffner: "Das Leben der Fußgänger".

<P>Ob's stimmt oder nicht: Voller Witz und zumindest doch bedenkenswert ist seine "Fantasie der Getränke" allemal. Zum Beispiel in dem, was hier zu erfahren ist über Rot- und Weißwein: "Weißwein ist eine Ermunterung zum Leben; Rotwein ist ein Ersatz für das Leben."<BR><BR>Der 1999 in Berlin gestorbene Journalist und Autor historischer Bestseller ("Von Bismarck zu Hitler", 1987, "Geschichte eines Deutschen", postum 2000) schrieb als junger Mann in den Jahren 1933-1938 charmante Zeitungs-Feuilletons: witzig-pointierte Alltagsbeobachtungen und Absurditäten aus dem Großstadtmoloch Berlin. Insgesamt ein herrliches Bild über Leben und Lebensgefühl in den frühen 30er-Jahren. Auf den ersten Blick scheint nur Oberfläche beschrieben zu sein, unterschwellig aber schwingt doch immer auch die politische Gesamtsituation immer mit.</P><P>Aus diesem wiederentdeckten Material hat jetzt Jürgen Peter Schmied eine große Auswahl als Buch veröffentlicht. In allem erweist sich der junge Haffner nicht nur als Mann von Humor, sondern hier auch schon als der große Stilist und Menschenkenner: ob es um die Schranke zwischen Garderobenfrauen und Publikum im Theater geht oder um den vorprogrammierten Streit zwischen Frischluftfanatikern und Freunden des Miefs während einer Zugfahrt. Wenn sich heute im modernen ICE diese Frage zwar so nicht mehr stellt: Haffners zugespitze Auslassungen bleiben dennoch eine stimmige Parabel auch auf aktuelle Politik, wenn es bei ihm heißt: "Will die Reichsbahn die Fensterschließer unter allen Umständen gegen ihre Feinde, die Fensteröffner, schützen oder nur da, wo sie zugleich den Status quo vertreten? Man sieht, zur Ungerechtigkeit tritt die Rechtsunsicherheit. Damit aber ist dem Krieg Tür und Tor geöffnet."</P><P>Was dieses Buch so liebenswert macht, ist die Tatsache, dass der Leser mit einer journalistischen Form konfrontiert wird, die es in dieser leichten Art und Qualität so schon längst nicht mehr gibt. Umso bemerkenswerter, was Haffner zum Thema Feuilleton vor rund 70 Jahren beizusteuern wusste: "Man darf nichts zum Gegenstand eines Feuilletons machen, woran irgendjemand ein berechtigtes Interesse hat. Die Aufgabe des Feuilletonisten geht vielmehr dahin, heiter und witzig über das zu schreiben, was niemanden interessiert."</P><P>Sebastian Haffner: "Das Leben der Fußgänger". Carl Hanser Verlag, München. 396 Seiten, 23, 50 Euro.<BR></P>

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