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Eine gewisse, für sich einnehmende Jugendlichkeit strahlt Tankred Dorst auch noch im hohen Alter aus. Mit seinen visionären Stücken traf er fast jedes Mal den Nerv der Zeit. 

Überall Gegenwart, überall Mythos

Großer Münchner Schriftsteller: Tankred Dorst wird 90

München - Als Dramatiker eroberte er 1960 die deutschen Bühnen. Diesen Samstag feiert der Münchner Tankred Dorst seinen 90. Geburtstag. 

„Die Unfallkurve von Ried“ titelte vor einer Woche diese Zeitung und: „Erst am Mittwoch hat’s wieder gescheppert.“ Das kann ein großer Münchner Schriftsteller, der am Samstag 90 Jahre alt wird, nur mit staunendem Lächeln quittieren. Denn wer von den Zeitgenossen des Jubilars Tankred Dorst hat in seinen jungen Jahren ein Theaterstück geschrieben, das auch noch gut ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung absolut tagesaktuell ist? Keiner.

Als der Dramatiker Dorst 1960 mit seinem Erstling „Die Kurve“ sich anschickte, die deutschen Bühnen zu erobern – zwei Automechaniker ziehen Profit aus der unfallträchtigen Kehre –, konnte er seine dramaturgische Weitsicht wohl kaum ahnen. 65 Jahre, seit seiner Studentenzeit lebte der Dichter in Schwabing, war er in München zu Hause. Eine auffallende, imponierende Erscheinung. Hochgewachsen seine Statur, zurückhaltend und höflich sein Wesen, das lockige Haar seit langem schlohweiß. Selbst jetzt, da er seinen Neunzigsten feiert und körperlich naturgemäß nicht mehr ganz so beweglich ist, hat Dorst nichts von einem alten Mann, sondern strahlt noch immer eine gewisse, für sich einnehmende Jugendlichkeit aus.

Mythen und Märchen

Dabei ist er doch ein alter Hase. 37 Theaterstücke, diverse Bearbeitungen, Opernlibretti, Hörspiele, Filme, Kinderstücke, Prosa, Revuen – Zusammenarbeit mit den besten Regisseuren des Landes, mit Peter Zadek und Peter Palitzsch, Dieter Dorn, Hans Neuenfels und Robert Wilson und immer auch mit seiner lebenslangen Muse, Co-Autorin und Frau Ursula Ehler. Mythen waren sein Thema und Märchen, doch stets fesselte ihn dabei die Gegenwart, interessierten ihn die in die Geschichte geworfenen Menschen. Und er traf damit beinahe jedes Mal den Nerv der eigenen Zeit.

„Große Schmährede an der Stadtmauer“ fiel zusammen mit dem Berliner Mauerbau 1961. „Toller“ wurde zu dem Stück der 68er-Revolte. „Eiszeit“, 1973, widmete sich dem Vorwurf der geistigen Nähe eines norwegischen Schriftstellers zu Adolf Hitler – gemeint ist Knut Hamsun. Überall Gegenwart, überall Mythos. Und genau das zeichnet Dorsts größtes theatralisches Werk aus, „Merlin oder Das wüste Land“. Darin entführt er Leser wie Zuschauer in die Welt der Zauberer und Helden, zu König Artus und den Rittern der Tafelrunde, den tragischen Königinnen und schönen Damen, zu stechenden Nattern und Schmeißfliegenschwärmen. Die ganze Welt hat Dorst hier versammelt um Parzival, Lancelot und den Gral. Und sozusagen in der ganzen Welt wurde dieses Mammutwerk auch aufgeführt.

Jugend im Zweiten Weltkrieg

In München glänzt nach wie vor in der Erinnerung – sofern man als Theaterbesucher das entsprechende Alter hat – Dieter Dorns sich über zwei Abende erstreckende „Merlin“-Inszenierung aus dem Jahr 1982. Die Schauspielerlegenden des alten Kammerspiele-Ensembles wie die unvergessenen Peter Lühr, Thomas Holtzmann, Romuald Pekny, Doris Schade, Gisela Stein oder die damals noch Jungen wie Sunnyi Melles, Axel Milberg bis zu Tobias Moretti, sie alle erwiesen mit ihrer Kunst Tankred Dorst die Ehre. Sie verlebendigten den schaurigen Traum des Merlin (und auch den des Dichters): „…wo vorher das Fest gewesen war, da waren die Säulen geborsten und der Boden war aufgerissen bis an den Horizont; wo Wälder waren, sah man verkohlte Stümpfe, die Städte lagen in Schutt und Rauch.“ Und Merlin rief: „Ich will nicht mehr! Ich will mit der verdammten Weltgeschichte nichts mehr zu tun haben!“

Als vor 35 Jahren das Stück entstand, mag Dorst an seine Jugend und den Zweiten Weltkrieg gedacht haben. Noch als Schüler wurde er 1943 aus seiner thüringischen Heimatstadt Sonneberg als Soldat einberufen. Das Grauen hat er in dem 1985 uraufgeführten Stück „Heinrich oder Die Schmerzen der Phantasie“ mit Ulrich Matthes in der Titelrolle verarbeitet. Heute aber erschließt Merlins Traum eine neue, beunruhigende Dimension an Aktualität, das Welttrauma der Gegenwart. Das vermögen nur die ganz großen Texte zu leisten. Und Dorsts „Merlin“ ist so einer.

Nach sechseinhalb Jahrzehnten München nach Berlin

„Meine Stücke entstehen eher auf impressionistische Weise“, sagte er einmal. Früher seien alle an Brecht ausgerichtet gewesen, doch das engte den Blick auf die Menschen ein. Der Umschwung kam mit 1968. Die Form musste offener werden, so Dorst, um das wirkliche Leben in seine Stücke reinzulassen. Je bunter, umso rätselvoller und komplexer: „Prosperos Insel“ heißt ein Text von 2008. Darin nähert er sich dem Zauberer und verkannten König gleichen Namens aus Shakespeares „Sturm“ und ist doch wieder in der eigenen Gegenwart und dem gescheiterten Versuch der Kriegsgeneration gelandet, aus der Erde ein bewohnbares Paradies zu machen.

In diese mythengespickte Kategorie wäre auch seine Bayreuther Regiearbeit gefallen, die Inszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“, wenn sie denn erfolgreicher gewesen wäre. Der damals 80-Jährige war überraschend für den abgesprungenen Filmregisseur Lars von Trier verpflichtet worden. Er musste sich und der Welt nichts mehr beweisen, aber der Reiz der Sache war zu groß, als dass er diese Herausforderung hätte ablehnen können. Gelungen oder nicht – am Ende doch nur eine Fußnote in der künstlerischen Vita, die die Lebensleistung um keinen Deut schmälert.

2013 hat Tankred Dorst nach sechseinhalb Jahrzehnten, die er in München studiert, gelebt und gearbeitet hat, die Stadt, die ihm Heimat geworden war, verlassen. Mit Ursula Ehler ist er nach Berlin gezogen. Vielleicht mochte das ja auch seinem wachen Geist und seiner steten Neugier entsprochen haben. Der Grund aber ist doch eher ein altersbedingter und familiärer. So bleibt der gebürtige Thüringer und Neu-Berliner dennoch der Schriftsteller, der aus München kommt.

Sabine Dultz

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