Ein großer, schwarzer Höllenschlund

Premierengespräch: - Er ist neu in München: Werner Wölbern. In der "Woyzeck"-Inszenierung, die morgen am Residenztheater Premiere hat, präsentiert sich der Schauspieler in der Rolle des schrillen Doktors.

Schon oft hat Werner Wölbern mit Martin Ku(\xffs)ej gearbeitet. Schnell zählt er durch - in Stuttgart, am Burgtheater in Wien, wo er fünf Jahre lebte, und am Hamburger Thalia Theater, wo er zurzeit engagiert ist - und kommt auf die jetzt siebte gemeinsame Inszenierung: Georg Büchners "Woyzeck" mit Jens Harzer in der Titelrolle, mit Juliane Köhler als Marie und selbst der großen Cornelia Froboess in der kleinen Rolle der Großmutter hat am Donnerstag um 20 Uhr im Residenztheater Premiere. Und dass Werner Wölbern, 1961 im niedersächsischen Wohnste bei Sittensen geboren, nun in München den Doktor spielt, liegt wohl an der bewährten Arbeitsfreundschaft mit Martin Ku(\xffs)ej, dem Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels ab 2011.

Jene Verbindung beruht offenbar auf einer großen, stillen Übereinstimmung: "Ich schätze es - auch im Alltagsleben - sehr, wenn man nicht so viel ausdiskutieren muss und man sich über die Arbeit versteht", sagt ruhig und nachdenklich Werner Wölbern. Ungewöhnlich leise und unprätentiös für einen Schauspieler klingt seine Stimme im Gespräch. Was Wölbern aber auch lockte, war darüber hinaus Büchners Dramenfragment über den ausgebeuteten, an der Welt irre werdenden, armen Woyzeck.

In einer Inszenierung von Dimiter Gotscheff hat er darin vor Jahren schon den Idioten gespielt und zuletzt eine Hörbuchaufnahme gesprochen: "Selbst in dieser Form, in der man allein die Sprache hat, ist das Stück ein Abgrund an Brutalität, Traurigkeit und Verzweiflung, dass es einem fast den Atem nimmt. Ein großer, schwarzer Höllenschlund." Ob man den Doktor, der für wenig Geld an Woyzeck herumexperimentiert, anders anlegen kann denn als menschenverachtenden Zyniker? Wölbern schmunzelt: Als "anlegen" habe er das nie empfunden. "Man hat beim ersten Lesen eine Fantasie, und beim Proben überprüft man, ob sie in die richtige Richtung geht." Er verstehe die Figur übrigens anders: "Der Doktor hat kein Gespür, kein Interesse für Mitleid und menschliche Empfindungen. Er ist als kalter Wissenschaftler ein Prototyp. Als solche hat Büchner alle seine Figuren geschrieben." Keinesfalls dürfe man sie seiner Meinung nach als Karikaturen zeigen. "Das wäre langweilig. Sie müssen ein menschliches Antlitz haben, so brutal und fratzenhaft es ist."

Was müsste kommen für den Schauspieler, der Wien sehr mochte und trotzdem zurück wollte an die Alster und sein angestammtes Thalia Theater, dass er häufiger in München spielte? "Nicht sehr viel. Ich fühle mich am Residenztheater sehr wohl. Es herrscht eine so freundliche, produktive und liebenswürdige Atmosphäre, und zwar von unten bis oben, wie sie ungewöhnlich ist für ein Haus dieser Größe."

 "Das Bewusstsein bekommen, was für ein

wertvoller und besonderer Beruf Schauspieler ist."

Werner Wölbern

Doch Wölbern hat zunächst ganz andere Pläne und wird seinen Arbeitsschwerpunkt nach Frankfurt verlegen. Dort hat er ab Oktober an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst eine Professur für Schauspiel: "Ich werde nicht mehr so viel spielen. Und dass ich es mir besonders gut aussuchen kann, ist ein schönes Gefühl." Wölbern ist nicht der Typ, den allein dieser Luxus reizt: "Es ist die irrsinnige Motivation dieser jungen Leute, die gierig sind zu lernen." Und was vor allem müssen sie lernen? "Etwa, dass die Bühne ein besonderer Ort ist. Mir geht diese Beliebigkeit und Alltäglichkeit auf die Nerven. Sie sollen aber auch die Vielfalt der Theaterlandschaft kennenlernen. Und spiel-intelligente Menschen werden." Und dann sagt Wölbern noch etwas, was spürbar für ihn selbst gilt: "Sie sollen das Bewusstsein bekommen, was für ein wertvoller und besonderer Beruf Schauspieler ist."

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