Ein großer Totaltheatermacher

- Nur ganz wenige Choreographen können sich ein halbes Jahrhundert in der internationalen Tanzszene behaupten. Der am 1. Januar 1927 in Marseille geborene Maurice Béjart gehört zu diesen Olympiern. 1957 wurde in Essen sein "Sonate à trois" uraufgeführt, ein Ballett nach Sartres "Geschlossener Gesellschaft".

Vom Tanzschöpfer eines tänzerischen Existenzialismus ­ vorgeführt schon in seiner "Sinfonie für einen einsamen Menschen" von 1955 ­ entwickelte sich Béjart zu einem "Totaltheater"-Macher.

Sprache, Musik, theatrale Inszenierung, modern aufgebrochenes neoklassisches Ballett und eine bis dahin eher gescheute Tanz-Erotik (Pas de deux zwischen zwei Männern!), kurz: Das "spectacle total" wurde ab 1960 Markenzeichen seines Brüsseler Ballet du XXe Siècle, zu dem vor allem auch ein großes jüngeres Publikum hinströmte. Um seine Compagnie am Leben zu erhalten, musste Béjart enorm viel produzieren ­ nicht alles gelang in gleich hoher Qualität. Aber Werke wie sein jetzt 46 Jahre alter "Bolero" sind heute noch Wunsch-Ballette von so weltberühmten Ballerinen wie Sylvie Guillem.

Geprägt von seinem Vater, dem Schriftsteller und Philosophen Gaston Berger, hat sich Béjart (den Namen legte er sich selbst zu) neben dem Tanz immer für philosophische Themen, für Literatur interessiert. Er selbst ist Autor mehrerer Bücher. Seine spektakulären Ballett-Theater in den späten 60er- und in den 70er-Jahren handeln von Liebe, Tod und Erlösung ("I Trionfi", "Notre Faust"). Nahmen zeitweise auch fernöstliche Einflüsse mit hinein ("Messe für die Gegenwart", "Bakhti"). Béjart inszenierte Oper und Schauspiel, choreographierte streng Abstraktes wie "Mouvement ­ Rhythme­ Etude" und operettennah Verspieltes wie "Gaité Parisienne".

Auch nach seinem Neubeginn 1987 mit dem Béjart Ballet Lausanne blieb er der vitale Allround-Künstler. Im Herbst 2006 brachte er im Lausanner Théâtre du Beaulieu "La vie du danseur" heraus. Mit Schlaglichtern auf sein eigenes Leben und Werk hat sich der Meister zu seinem 80. selbst ein "Geburtstags"-Ballett choreographiert. Jüngere Choreographen mögen ihn im Formalen überholt haben. Aber er ist es, der ihnen den Weg ebnete. Nicht zuletzt mit seiner berühmten 1970 in Brüssel gegründeten Mudra-Schule, mit später folgender Zweigstelle in Dakar/Senegal.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Es ging alles mit rechten Dingen zu“
München - Die AfD im Bundestag, die Große Koalition geplatzt, Angela Merkel mit der einzigen Option, nun mit FDP und Grünen eine Koalition bilden zu müssen – diese Wahl …
„Es ging alles mit rechten Dingen zu“
Wim Wenders eröffnet Festival in San Sebastián
Der deutsche Regisseur Wim Wenders hat zum Start der 65. Filmfestspiele von San Sebastián sein Liebesdrama „Submergence“ vorgestellt. In den Hauptrollen spielen Alicia …
Wim Wenders eröffnet Festival in San Sebastián
Plaudern in Zeiten der Cholera
David Bösch eröffnete mit seiner Inszenierung von Maxim Gorkis Drama „Kinder der Sonne“ die Spielzeit am Münchner Residenztheater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik. 
Plaudern in Zeiten der Cholera
Erst hart, dann virtuos: Schwergewichte im Garage Deluxe
Mit Onslaught und Artillery geben sich am Mittwoch zwei Schwergewichte des europäischen Thrash-Metal die Ehre im Münchner Rockclub „Garage Deluxe“. Am Freitag lässt …
Erst hart, dann virtuos: Schwergewichte im Garage Deluxe

Kommentare