Vier Tage vor Anschlag: Attentäter flog von Düsseldorf nach Manchester

Vier Tage vor Anschlag: Attentäter flog von Düsseldorf nach Manchester

Großes Drama, große Show

- Das ist das Stück der Stunde. Frauen an den Schalthebeln der Macht. Englands Geschichte des 16. Jahrhunderts zeigt, dass sie im Politzirkus mit ebenso harten Bandagen regieren und manipulieren wie die Männer. Dichter Friedrich Schiller erzählt in seinem 1800 verfassten Drama, wie sie mutig Gefühl und Geschäft miteinander verquicken. Und Regisseurin Amé´lie Niermeyer führt im Januar 2006 vor, wie abhängig sie, obwohl in Spitzenposition, von der Männerwelt um sie herum sind. Im Münchner Residenztheater hatte "Maria Stuart" eine heftig beklatschte Premiere.

Zum Jubeln gibt's auch allerlei Grund. Denn Amé´lie Niermeyer, die zukünftige Düsseldorfer Schauspielintendantin, macht aus dem klassisch strengen Fünfakter ein durchschaubares Drama der Gleichzeitigkeit, geschickt gekürzt auf drei Stunden, von 19 auf zehn Personen.  Aufgelöst  ist  die Struktur der festen Blöcke, Szenen werden ineinander verwoben, und zum Ende hin bleiben die Figuren permanent auf der weiten, mit hohen, verschiebbaren Wänden ausgestatteten Bühne, ungeachtet dessen, ob Schiller ihre Anwesenheit in diesem Moment vorgesehen hat oder nicht. Das gibt - bei übrigens größter Texttreue - der Aufführung sympathische Offenheit und Nähe und gestattet den Schauspielern, immer wieder auch direkt zum Publikum hin zu agieren. Da ist die Frage des Kostüms, was die historische Zuordnung betrifft, nur eine Äußerlichkeit. Niermeyer steckt Schillers Figuren in Kleider von heute, was nicht stört, denn im Einzelnen sind sie genauer Ausdruck des jeweiligen Charakters.

"Wir werden Mittel finden, was Gnade fordert, was Notwendigkeit uns auferlegt, geziemend zu vereinen."

Elisabeth

Großes Drama, großes Theater. Irgendwie auch große Show. Ein Mann am Synthesizer begleitet die Affekte musikalisch, mal den stillen Gesang der Elisabeth, mal das schottische Siegesgeheul der Maria oder das flippige Swing-Gefühl des Mortimer. Dass dies stumm und meist mit dem Rücken zum Publikum kein Geringerer tut als Gerd Anthoff, der erst am Schluss in die Rolle des Melvil schlüpft und Maria die Beichte abnimmt, ist wohl vor allem ein Freundschaftsbeweis Anthoffs gegenüber der Regisseurin, mit der er schon zu Zeiten ihrer Münchner Anfänge vor 17 Jahren zusammengearbeitet hat.

Das spricht für Niermeyer, die sich mit dieser Inszenierung ganz und gar als eine Frau der Schauspieler erweist. Sie bringt sie alle groß heraus. Ohne Scheu vor Affekt und Gefühl. Mit Mut zur Komik auch in der Tragödie. Nie "missbraucht" Niermeyer die Darsteller für ihr Konzept. Man gewinnt den Eindruck, sie alle zusammen führen das Stück temporeich voran, spitzen es rhythmisch zu, lassen sich treiben vom Duktus der Sprache, wobei mitunter die Deutlichkeit der Schnelligkeit zum Opfer fällt.

Zwei Protagonistinnen, Anna Schudt und Juliane Köhler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, prägen den Abend. Die großartige Anna Schudt ist eine starke, kraftvolle Maria. Schottlands abservierte und von den Engländern zum Tod verurteilte Königin, eine gerupfte Lebefrau in Cocktailfummel, Pelz und hohen Stiefeln, zwischen Hochmut und Demut. Dass ihr die Männer verfallen und sie ihnen - es ist halt so. Mit dem Victory-Zeichen beendet sie die berühmteste Szene des Dramas, die Begegnung der beiden Frauen im Park. Englands Hymne braust auf, als dessen Königin sie sich im Moment wähnt. Wie nach einem Boxkampf mit K.o.-Ausgang verkündet Marias getreue Kennedy (Jennifer Minetti) per Mikrofon: "Ihr habt die Unversöhnliche verwundet." Bei Schiller heißt's an dieser Stelle: "Maria (noch ganz außer sich)." Und Anna Schudt nimmt auf grandiose Weise den Dichter beim Wort. Um zum Ende, wenn es aufs Schafott geht, ganz in sich gekehrt, ganz bei sich zu sein. Da rührt sie - das gehört einfach zu jeder anständigen "Stuart" dazu - das Publikum zu Tränen.

"Ganz außer sich" gerät auch Juliane Köhler in dieser Parkszene. Hier verliert ihre sonst so beherrschte Elisabeth jede Kontrolle über sich. Wie zu einer großen Nummer steigt sie auf den Synthesizer und verausgabt sich in einer irren, das Fallbeil und den Henker markierenden Pantomime. Der Wettstreit der Weiber als brillanter Showdown. Juliane Köhler ist in ihrer kühlen Business-Schönheit eine immer wieder faszinierende Elisabeth. Was aber doch erstaunt, ist die Tatsache, dass Schauspielerin und Regisseurin ihr weniger Sympathie zugestehen, als es doch schon der historisch ungerechte Schiller tat.

Von Anfang an ist Köhler der cool-kokette, den Kumpeltyp betonende Spielball ihrer Lords, die dreist lachen, wenn sie davon spricht, einmal als "jungfräuliche Königin" gerühmt werden zu wollen. Eine Chefin, die manchmal ihre Macht sozusagen zum Publikum hin moderiert - "Wir werden Mittel finden, was Gnade fordert, was Notwendigkeit uns auferlegt, geziemend zu vereinen": In so einem Moment ist Elisabeth verdammt nah dran am Heute, um nicht zu sagen am Kanzleramt. Sie ist gescheit, hat Esprit und Sentiment. Aber es fehlt die tragische Fallhöhe. Das könnte Absicht der Regie sein. Möglich aber auch, dass sie einfach nicht gelungen ist.

Ein Stück der Frauen sei "Maria Stuart". Ein Vorurteil. Es ist genauso ein Stück der starken Männer, jedenfalls in dieser Aufführung. Darstellerisch bis zu den extremsten inneren Grenzen vorstoßend: Thomas Loibl als einerseits aalglatter und andererseits hochfiebriger Leicester. Seine politische Intelligenz brillant und gewitzt einsetzend, souverän auf der ganzen Linie: Rainer Bock als Burleigh. Neuzugang Jan-Peter Kampwirth, der sprachlich dringend noch einiges zu tun hat, nimmt Mortimers Drohung "Erzittern sollst du auch vor mir!" zum Anlass, aus dem schwärmerischen, in Maria fanatisch verliebten Jüngling einen sehr modernen, hemdsärmelig-überheblichen Brutalo zu machen, der schnell mal mit Gewalt versucht, seine Königin aufs Kreuz zu legen. Ulrich Beseler, Oliver Nägele, Marcus Calvin vervollkommnen das bestens aufspielende Ensemble. Eine sehenswerte Aufführung.

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