Der Betroffene: Richard Gärtner (Matthias Habich, l.) möchte sterben – und die Mitglieder des Ethikrates davon überzeugen, dass assistierter Suizid ethisch vertretbar ist. Sein Anwalt (Lars Eidinger) unterstützt ihn dabei.
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Der Betroffene: Richard Gärtner (Matthias Habich, l.) möchte sterben – und die Mitglieder des Ethikrates davon überzeugen, dass assistierter Suizid ethisch vertretbar ist. Sein Anwalt (Lars Eidinger) unterstützt ihn dabei.

Interview mit Matthias Habich über „Gott“ in der ARD

Großes TV-Experiment nach Ferdinand von Schirach: Wie wollen Sie sterben?

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach provoziert die Zuschauer erneut zum Mitdenken. Nach der Verfilmung von „Terror“ (2016) dürfen sie diesmal am Ende des Films „Gott“ über die Frage abstimmen, ob Sterbehilfe ethisch vertretbar ist. Ein Interview mit Matthias Habich, der in „Gott“ einen Mann spielt, der sterben möchte.

  • Am 26. Februar 2020 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die ärztliche Beihilfe zum Suizid in Deutschland nicht mehr grundsätzlich verboten ist
  • Der Film hinterfragt, ob man einem völlig gesunden Menschen todbringende Präparate zur Verfügung stellen sollte
  • Am Ende des TV-Experiments dürfen die Zuschauer abstimmen

Matthias Habich ist die Traumbesetzung für den Herrn Gärtner in der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Stück „Gott“, die die ARD am 23. November 2020 um 20.15 Uhr zeigt. Der 80-Jährige, der in rund 100 Filmen mitgespielt hat – etwa als Victor Klemperer in „Klemperer“ oder als Hitlers Arzt Haase in „Der Untergang“ –, bringt die Verzweiflung des Witwers, der sterben möchte, rüber. Gerade weil er das so packend tut, wurden viele Szenen mit ihm herausgeschnitten. Der Zuschauer soll sich ein möglichst rationales Urteil bilden. Sehr zum Leidwesen Habichs, wie er uns im Interview erzählt. Ein Gespräch über Respekt vor dem Tod – und die Lust am Leben.

Sterbehilfe ja oder nein – als Zuschauer ist man hin- und hergerissen, auf wessen Seite man sich schlagen soll. Mal ist man auf der des Bischofs, dann denkt man: Der Arzt hat Recht! Ging es Ihnen auch so?

Matthias Habich: Ganz genau. Das nennt man Meinungsbildung. Das trägt zur Aufklärung der Menschen bei. Jeder muss sich seine eigene Meinung bilden, aber die muss fundiert sein.

Dafür muss man alle Argumente kennen. Etwa das des Bischofs, der sagt, wir würden uns einem Selbstbestimmungsenthusiasmus hingeben. Es gehe heute einzig darum, das Leben möglichst leicht zu leben. Es sei aber nicht leicht, wir könnten nicht immer den einfachsten Weg wählen. Hat er Recht?

Habich: Na ja, eine hundertprozentige Selbstbestimmung gibt es gar nicht. Wir hängen alle voneinander ab. Und von unseren Genen. Der Bischof sagt, das Leben sei ein Leidensweg. Doch es ist auch Freude! Man muss ja diese Sterbehilfe nicht in Anspruch nehmen, aber dass sie im Extremfall zur Verfügung steht, ist eine Beruhigung. Das hat eine psychologische Bedeutung. Das ist wie wenn man sich eine Schlaftablette auf den Nachttisch legt – das genügt, die muss man gar nicht schlucken, da schläft man schon, weil man beruhigt ist, dass es einen Ausweg gibt. Sind Sie christlich?

Ja, evangelisch.

Habich: Evangelisch, ich auch. Aber im Laufe des Lebens löst man sich von den kirchlichen Kodexen und hat ein eigenes Bild von Gott oder vom Jenseits oder von dem Geist, der uns alle irgendwie zusammenhält. Die Kirche hat da für mich keine große Bedeutung mehr.

Der Bischof argumentiert, dass das Leben ein Gottesgeschenk sei, das man nicht zurückgeben dürfe.

Habich: Eine Überzeugung, die bei mir klaustrophobische Gefühle weckt. Ich glaube, es gibt viele Mitmenschen, die einfach nicht mehr leben wollen, weil ihre seelischen Schmerzen zu groß sind. Wenn Sie auf der heißen Herdplatte säßen, drei Jahre lang, dann würden Sie auch einen Ausweg suchen. Soll man diese Menschen, die seelisch so leiden, jahrelang am Spieß zappeln lassen? Ich habe etliche Bekannte, die sich das Leben genommen haben, und das ging nicht anders.

Da konnten Sie auch als Freund nichts tun.

Habich: Nein. Ich wusste, sie haben gelitten, aber darauf hat man keinen Einfluss mehr. Da ist so ein Mensch dann nicht mehr ansprechbar. Ich finde diese Überlegung, dass man jemanden überreden soll weiterzuleben, bedenklich.

Es gibt keine Lebenspflicht, wie es im Film heißt...

Habich: Genau. Man muss die Ernsthaftigkeit eines Suizid-Wunsches respektieren.

Nun sind Sie selbst dieses Jahr 80 geworden. Wie ist es für Sie, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen?

Habich: Was wollen Sie damit sagen? Haben Sie kein Lebensende vor sich?

Freilich, klar.

Habich: Jeder von uns. Ich hatte schon Angst vorm Tod, als ich zwölf war.

Sie begleitet die Angst vorm Tod ein Leben lang?

Habich: Nicht täglich, ich bin ein großer Verdränger – wie wir alle. Ich meine, wir sitzen ja alle in der Todeszelle, irgendwann kommt der Henker mit den Schlüsseln. In meinem Alter hört man die Schlüssel schon klappern, aber das geht uns doch allen so. Gut, dass bei mir das Ende jetzt irgendwie absehbarer ist, das versuche ich durch bewusstes Leben der Gegenwart draußen zu halten.

Sie scheinen tatsächlich große Lust am Leben zu haben.

Habich: Ja, ausgesprochen. Und ich habe immer wieder Grund dazu. Wenn ich sehe, wie schön die Natur ist oder wie schön es ist, ein Buch zu lesen, oder wie wunderbar es ist, Musik zu hören, oder sich mit anderen zu unterhalten, wie gut das Essen ist, wie der Wein schmeckt und was er auslöst – es gibt so viele Gründe, warum man gerne lebt.

Leider gibt es viele Menschen, die das gar nicht sehen und sich nur aufs Negative fokussieren.

Habich: Ja, die sind stumpf. Sie nehmen das Buch erst gar nicht in die Hand, sie gehen nicht ins Konzert oder was auch immer. Sie sehen die Anregungen nicht. Sie suchen sie nicht.

Jetzt sind Sie auch in einem Beruf, der sehr anregend ist. Warum haben Sie sich für dieses Projekt entschieden? Sie werden viele Angebote bekommen.

Habich: So groß ist die Auswahl nun auch nicht, machen Sie sich keine Illusionen. Und oft werden mir Filme angeboten, die mich nicht interessieren. Ich möchte nicht am Rollator gehen oder demenzkrank sein, das habe ich alles schon gespielt. Ich warte auf Rollen, wo alte Männer im Leben stehen. Was weiß ich, ein Bankräuber, der für kranke Kinder irgendwo einbricht. Sich selbst zu bereichern, ist ja nicht so toll, aber vielleicht für andere. Eine gealterte Robin-Hood-Figur könnte ich mir vorstellen.

Schreiben Sie’s doch selbst, das Drehbuch!

Habich: Ja, wenn ich schreiben könnte, hätte ich mir längst schon Drehbücher geschrieben bei dem Elend, das man oft so zugeschickt bekommt. Aber ich kann es halt nicht.

Was auch oft ärgert: wenn ältere Rollen von Jungen gespielt werden, die auf alt geschminkt sind. Anstatt sie mit alten Schauspielern zu besetzen.

Habich: Weil sie Angst haben vor Krankheitsausfällen während des Drehs. Die Versicherungen sträuben sich oft, da einen Vertrag zu machen. Es liegt an der Feigheit der Produzenten. Ich finde das auch schrecklich. Was ich noch schrecklicher finde, wenn alte Menschen noch dazu alt spielen. Das ist furchtbar! (Lacht.) Unerträglich. Ich bin ja umgeben von Leuten meines Alters, die sind noch voll im Saft. Die laufen auf Berge, die laufen Marathon. Der heutige alte Mensch ist nicht mehr der, den wir uns vorgestellt haben, als wir jung waren. Meine Großmutter saß im Sessel und strickte.

Das ist vorbei. Oma läuft heute auf den Himalaya.

Habich: Genau. Die machen Weltreisen und gehen einem auf den Wecker. Komischerweise gibt es diese Generationsfeindschaften. Früher waren die Alten respektiert, deren Rat wurde gesucht – heute gibt es Shitstorms auf Alte. Auch als ich jung war, war ich immer gerne mit alten Leuten zusammen.

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