„Im Grunde bin ich der falsche Regisseur“

München - Frank Castorfs Inszenierung von Horváths „Kasimir und Karoline“ hat am Residenztheater Premiere. Doch der "Jahrtausend-Regisseur" hält sich eigentlich für eine Fehlbesetzung.

Ein halbes Dutzend Preise hat er schon. Jetzt kürte ihn der „Focus“ zum „Jahrtausend-Regisseur“: den 60-jährigen Regie-Anarcho Frank Castorf, der ab 1992 die Berliner Volksbühne (die er noch bis 2013 leitet) zum Kult-Theater vor allem für junges Publikum gemacht hat; der in post-dramatischer Manier Stücke zertrümmert und sie in assoziativem Rausch mit Fremdmaterial versetzt, von aufklärerisch-intellektuellen Texten bis zu Musiken, Videos und Körperausscheidungen. Dieser durch seine DDR-Jugend zum Widerspruchs-Lüstling gewordene Berserker hat nun fürs Münchner Residenztheater seinen ersten Horváth inszeniert: das am Abgrund der Arbeitslosigkeit spielende Oktoberfest-Volksstück „Kasimir und Karoline“ (1932). Premiere ist am Sonntag, mit, unter anderen, den Schauspielstars Birgit Minichmayr und Nicolas Ofczarek.

„Das Oktoberfest nachzuerzählen - na, machen Se das mal, diese ganze gewalttätige Amüsiermaschinerie. Wir haben einen abstrakten naivistischen Kunstraum gebaut, wo merkwürdig schizophrene Standarten, dreiköpfige Fische, zu sehen sind. Also eigentlich ist es der Ausflug in eine andere Naivität, aus der, wenn man sie richtig beschleunigt, ein ähnliches Gefühl wie Oktoberfest entstehen kann.“

„Beschleunigt“ - trifft auch zu auf Castorfs dichten Informationsfluss. Prima, weil viel Material, genug für eine ganze Zeitschrift (ächz!): „Oktoberfest ist aber etwas, was alle Menschen zusammenbringt. Es ist ein Gleichmacher. Man trifft sich, man lernt wie im ,Sommernachtstraum‘ für kurze Zeit, seine Hoffnungen zu realisieren.“ Zur Erinnerung: Karoline gibt ihrem gerade „abgebauten“ Kasimir den Laufpass und glaubt, mit Zuschneider Schürzinger und mit Kommerzienrat Rauch den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen. „Und diese ganzen Wünsche, Verklärungen des Kleinbürgertums, das Zitieren von Klassikern, die Stammtisch-Weisheiten, also dieses ganze falsche Bewusstsein, das will Horváth rausreißen, demaskieren.“ Pech, dass Horváths behutsam kathartische Heilungsabsichten nicht so ganz auf Castorfs Linie liegen: „Ich bin expressiv und gewalttätig, also im Grunde der falsche Regisseur für das Stück.“ Aber ein Castorf löst so ein Dilemma: mit der Verarbeitung von „fast allen“ ersten Stück-Fassungen. Und mittels der spätestens von René Pollesch salonfähig gemachten Sample-Technik hat er den politischen Alltag des Entstehungsjahres 1932 mit hineingenommen: „Insofern ist es immer wieder auch ein Spiel mit Ernst Jüngers Textfeldern. Vor allem diese Passagen, die kulturtheoretisch sehr interessant sind, wo Jünger beschreibt, wie das Theater verdrängt wird durch den Film, durch den Typus des neuen entindividualisierten Schauspielers.“

Castorf zählt weitere Alltagsbeobachtungen Jüngers auf. Aber die wird man ja dann in der Inszenierung selbst hören, auch, wie der Regisseur betont, „immer wieder das hohe Lied der Aggressivität, die für mich auch zur Kunst gehört. Die totale Mobilmachung, die ja vom Krieg bis in die Kunst Einfluss in Jüngers Werk findet und mich immer geprägt hat.“ Der eher therapeutische oder freudianisch geprägte Horváth hier - der absolut anti-psychologische, aggressive Jünger mit seiner Wahrheit des Kamera-Auges da: In dieser Widersprüchlichkeit sucht Castorf eine Synthese. Widerspruch - sein Elixier sowieso, sein Erbe aus der DDR-Kindheit und -Jugend: „Wenn man aus einem Kleinbürgertum kommt wie ich und dann zu einer voluntaristischen Weltsicht neigt, dann ist es immer so, dass, wenn man rot sieht, weiß oder schwarz denkt und umgekehrt. Ein Künstler muss sich immer in die absoluten asozialen Triebstrukturen, in das Gegenteil hineinversetzen können. Und wenn ein Künstler wie Lars von Trier, der mit Gesellschaft und Poesie zu tun hat, für eine Äußerung („Ich bin ein Nazi“, sagte der Regisseur heuer bei den Filmfestspielen in Cannes. Später entschuldigte er sich dafür; Anm. d. Red.) von einem Festival ausgeschlossen wird, ist es nur dämlich a) von ihm, dass er sich entschuldigt und b) von einem Festival, ihn zu stigmatisieren.“

Zurück zum Stück: Wenn Castorf den Menschen so zeigen möchte, wie er ist - wie auch Horváth ihn zeigt, in seinen Sehnsüchten, seiner Einsamkeit, seiner Trauer, seiner Lächerlichkeit, sind dann zusätzliche Texte nicht Ablenkung oder gar Überforderung? „Ich weiß nicht. Also erstens: Ich bin ein Egoist. Ich mach nur das, was mir Spaß macht - das ist so ’n Leben, was ich mir geschenkt habe, relativ frühzeitig. Und da gibt es keine Infragestellung meiner Person. Also ich bin glücklich. Und ich möcht ooch glücklich sein. Ich bin ooch neurosenfrei.“ Das kommt berlinerisch spontan-sympathisch rüber. Und so, wie er über sein etwas kompliziert zu organisierendes (Nicht-)Familienleben mit fünf Kindern von verschiedenen Frauen redet („Weihnachten wird’s immer besonders schwierig“), sitzt der gewollte Außenseiter plötzlich als ganz normaler Mensch vor einem.

Aber was nun ist die Crux für den Regisseur in diesem Horváth, in dem Kasimir sagt „Und die Liebe höret nimmer auf - solange du nämlich nicht arbeitslos wirst.“ Castorf darauf: „Ach, wir haben doch keine Arbeitslosigkeit in München, wir sind doch im gelobten Land. Da ist ja dieses schöne Stück von Goethe ,Der Bürgergeneral‘, in dem es heißt: ,Überall toben die Revolutionen, nur in Deutschland gibt’s den Kampf um den Milchkrug‘. So kommt es mir im Augenblick vor.“

Wichtig sei hier das Volksstück: „Eine Primitivität, dass man da etwas auskippt, was im Frühkindlichen ist. Ich glaube, dass man froh ist, dass es nach diesem argen Weg der Erkenntnis eine Befreiung, immer eine Pointe gibt. Bei einem Volksstück ist ja auch wichtig, dass es sehr pointiert ist. In seinen Anmerkungen hat Horváth geschrieben, wie er sich sein Stück vorstellt. Gegen die meisten Paragrafen verstoße ich bewusst. Aber ich nehme an, dass ich sein Wesen verstanden habe. Und das versuche ich, auf die Bühne zu bringen durch Komplexität, auch durch Kompliziertheit, um dann zu einer Einfachheit zu kommen, zu ganz einfachen menschlichen Grundstrukturen.“

Von Malve Gradinger

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