Grundstein für ein modernes Bayern

- Am Ufer des Sees halten die Bauern inne und blicken den beiden Booten nach: Die Aufhebungskommission setzt nach Herrenchiemsee über, um das Kloster aufzulösen. Was die Folgen davon für die Bevölkerung sein werden, die da am Rande auch vorkommt, ist im Jahr 1803 noch nicht absehbar. Im Zentrum des Geschehens stehen jedenfalls die Kloster- und Domkirche und die Vertreter der weltlichen Macht, des erstarkenden bayerischen Staates.

<P>Als der Landschaftsmaler Wilhelm Boshart die Szene 1853 festhält, liegen die Ereignisse schon 50 Jahre zurück. Dass man sich ihrer so lange im Detail erinnerte, zeigt, wie tief sie sich ins Gedächtnis der Menschen eingegraben haben. Bosharts Gemälde ist Teil der Ausstellung "Bayern ohne Klöster? Die Säkularisation 1802/03 und die Folgen" des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, München, die die Radikalität der gesellschaftlichen Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts darstellt.</P><P>Viele schriftliche und bildliche Dokumente erlauben der Schau die dringend notwendige Differenzierung herrschender Klischees: Religions- und kirchenfeindlich habe der Staat gehandelt, sich räuberisch der klösterlichen Besitztümer bemächtigt. Ein soziales und kulturelles Gefüge sei nachhaltig gestört worden. Oder andererseits: In den Klöstern habe nur noch Misswirtschaft und Disziplinlosigkeit geherrscht.</P><P>Umsichtig führt die Ausstellung an die Jahre 1802/03 heran, in denen die Säkularisation nach den Bettelorden auch die Prälatenorden erfasste, die den Landständen angehörten und für deren Aushebelung erst die Rechtsgrundlage geschaffen werden musste: mit dem von Bayern durchgesetzten § 35 des Reichsdeputationshauptschlusses von Regensburg.</P><P>Montgelas ging gegen die Ständeordnung vor</P><P>Die Neuordnung Europas mit Napoleons Koalitionskriegen oder die Selbstauflösungstendenzen des Theatinerklosters in München - mit alldem stimmt die Präsentation auf den aufklärerischen Geist ein, der die nachfolgende Säkularisierung begleitete.</P><P>Leider beginnt die Ausstellung damit in einer hinteren Ecke. Da haben die Schaukästen, die mit Details zu den Aufhebungskommissaren beginnen, schon ordentlich für Verwirrung gesorgt. Und so klug die Exposition durchdacht ist, so wenig hält sie diese Stringenz in ihrer Anordnung durch. Dennoch erschließen sich mit Hilfe sehr gut erläuternder Schrifttafeln die Zusammenhänge. </P><P>Religiöse Gefühle wurden verletzt und spiegeln sich in Protestschriften wider. Klosterbedienstete verloren ihren Arbeitsplatz. Die Auflösung von Klosterapotheken beeinträchtigte die medizinische Versorgung. Mit dem Ende der Klosterschulen ging die Anzahl von Gymnasiasten aus dem ländlichen Raum deutlich zurück, dafür sollte jedoch das vernachlässigte Elementarschulwesen gestärkt werden. Die Wissenschaft begrüßte unterdessen, dass Literatur aus den Köstern endlich öffentlich zugänglich wurde. Ohne weltliche Verpflichtungen war der Klerus entlastet und konnte sich seinen geistlichen Aufgaben besser widmen.</P><P>Gebrochen in diesem vielschichtigen, historischen Kaleidoskop wird deutlich, was der Katalog in 18 zum Teil hervorragenden Aufsätzen darstellt: Dass Graf von Montgelas, der die Säkularisation durchführte, nicht vorrangig kirchenfeindlich, sondern allgemein ständekritisch eingestellt war. Dass er mittels der Klöster sukzessive die Macht der Landstände aushebelte. Und dass mit einem fortschrittlichen Beamtenrecht, mit der Stärkung des Manufakturwesens und dem Erlass einer Verfassung der Grundstein für ein modernes Bayern gelegt wurde. </P><P>Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Ludwigstr. 14; bis 18. 5. Eintritt frei. Katalog: zwölf Euro.<BR><BR></P>

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