Regisseurin Laura Thies diskutiert eine Einstellung.

Gruseln am Chiemsee

Wie ein Film aus nichts entstehen kann: Bei den Dreharbeiten zum ersten bayerischen Mystery-Thriller „Schattenwald“.

Es wäre das perfekte Postkartenmotiv. Das alte Bauernhaus liegt wie ein weißer Tupfen im Grün, eingebettet zwischen Fichtenwald und Wiesen schmiegt es sich in die Hügel des Chiemgau. Doch die Idylle trügt. Denn wer näher herantritt an dieses Haus, entdeckt dort nicht nur die mit Schnitzereien verzierte Eingangstür und die Kletterpflanzen, die sich um den ersten Stock ranken, sondern auch, zwischen Steinskulpturen und Blumenbeeten: eine blutbeschmierte Axt. Mitten im Garten steckt sie in einem Baumstumpf. Keine Sorge, hier ist niemand gemeuchelt worden.

Rund um das Bauernhaus wird seit Anfang Januar ein Kinofilm gedreht. „Schattenwald“ soll der erste bayerische Mystery-Thriller werden. Lange war dieser Film nur eine Idee. Kaum jemand glaubte daran, dass sich diese Idee auch umsetzen ließe. Dass jetzt wirklich die Kameras laufen, können Regisseurin Laura Thies und Josephine Ehlert, die das Drehbuch geschrieben hat und die weibliche Hauptrolle übernimmt, deshalb immer noch kaum fassen. „Schattenwald“ erzählt die Geschichte von Julika, einer jungen Musikerin, die in ein Haus auf dem Land fährt, um sich zu erholen und um Inspiration für ihre Songs zu finden. Doch aus der Ruhe wird nichts. Denn das Haus hütet ein Geheimnis. In ihren Träumen bekommt die junge Frau Besuch von Katharina, die hier vor vielen Jahren gelebt hat. Nach und nach drängt die Vergangenheit ans Licht...

Heute stehen Innenaufnahmen auf dem Drehplan. Also ab ins Haus. Zwischen dem Sofa im Wohnzimmer und dem Holztisch in der Küche wuseln rund 15 Personen hin und her. Die Maskenbildnerin, die zu den Schauspielern hereinhuscht, um dem letzten bisschen Glanz auf der Stirn den Garaus zu machen. Der Aufnahmeleiter, der mit seinem Funkgerät in der Hand auf und ab schreitet und prüft, ob alles bereit ist für die nächste Szene. Die Assistentin, die noch schnell das Kameraobjektiv wechselt. Und zwischen all dem: Regisseurin Laura Thies, dick eingemummt in Daunenjacke, Fellstiefel und Mütze, in der Hand ein Brot mit Obazdem. Die 29-Jährige kennt das Haus, in dem sie jetzt ihren zweiten langen Film dreht, seit Kindertagen. Es gehört ihren Pateneltern, die sich für die Zeit der Dreharbeiten in zwei Zimmer unterm Dach zurückgezogen haben. Und nicht nur dieses Haus hat Laura Thies für ihren Film selbst ausgewählt, sondern auch alle anderen Drehorte. Denn sie stammt aus dem Chiemgau, „Schattenwald“ ist auch ein Film über ihre Heimat.

„Wir brauchen die Julika!“, ruft die 29-Jährige jetzt ins Wohnzimmer hinein. Da kommt Josephine Ehlert auch schon angehüpft. Bevor sie weiterhüpfen kann in die Küche, wo die nächste Szene gedreht wird, muss erst noch mal die Maskenbildnerin ran: Die zückt aus ihrer Gürteltasche, die vollgestopft ist mit Quasten, Pinseln und Puderdöschen, erst mal eine Bürste. Julikas Haare, die sich in perfekten Locken ringeln, müssen natürlicher aussehen und werden deshalb aufgelockert. Dann noch Haarspray drauf, schließlich soll alles bombenfest sitzen. Es kann losgehen. Josephine Ehlert positioniert sich zwischen einem Holztisch und einem alten Ofen, über dem kupferne Pfannen und Töpfe glänzen. „Ruhe bitte, wir drehen, Ton ab“, kommandiert der Aufnahmeleiter aus der Küche. „Ton läuft“, schallt es aus dem angrenzenden Wohnzimmer vom Tonmann, der hinter einem aufgeklappten Mischpult mit Rollen sitzt. „Und bitte“, sagt Laura Thies, die auf einer umgedrehten Kiste sitzt und auf einen Bildschirm starrt, der das Kamerabild zeigt. Ehlert schlüpft in ihre Rolle als Julika. Sie singt leise vor sich hin, notiert etwas in ihr Heft, bläst die Kerze auf dem Tisch aus.

„Cut“, ruft Laura Thies. Die Idee, zusammen einen Film zu machen, hatten Josephine Ehlert und Laura Thies vor rund anderthalb Jahren. Einziges Problem: Sie hatten kein Geld. Aufgeben kam für die beiden jedoch nicht infrage. „Wir haben gedacht, wir probieren es einfach und gucken, wie weit wir mit nichts kommen“, erzählt Laura Thies in einer Pause. Die beiden meldeten sich bei einer Crowdfunding-Plattform im Internet an, um dort bei Spendern um Unterstützung für ihren Film zu werben. Nach 40 Tagen hatten sie 30 000 Euro zusammen. Und das war nicht alles: Auch Veronica Ferres hatte von dem Projekt gehört – und beteiligte sich mit ihrer Produktionsfirma mit 10 000 Euro an den Kosten. Ferres war  nicht die Einzige, die sich von dem Engagement der beiden jungen Frauen anstecken ließ.

40 000 Euro klingt nach viel Geld, doch für einen Kinofilm wäre das ein extrem kleines Budget gewesen. Deshalb bewarben sich Thies und Ehlert zusätzlich beim FilmFernsehFonds Bayern (FFF). Mit Erfolg: Der FFF fördert „Schattenwald“ mit 230 000 Euro. Das Drehbuch sei exzellent gewesen, erklärt Julia Rappold, Förderreferentin beim FFF. „Die Mädels haben so eine Energie ausgestrahlt“, begründet sie die Entscheidung. „Alle im Ausschuss haben gedacht: Das ist ein echtes Powerteam.“ Für diese Einschätzung spricht auch das Tempo, das Thies und Ehlert zusammen mit ihrem Team hinlegen: Im Oktober erst haben sie den Zuschuss vom FFF bekommen, bis Ende März wollen sie mit dem Rohschnitt fertig sein. Ihr Ziel: „Schattenwald“ im Sommer auf dem Münchner Filmfest zu präsentieren. Laura Thies und Josephine Ehlert sind überzeugt, dass sie auch das schaffen werden.

Katharina Mutz

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