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Lust an der Anarchie: Martina Schwarzmann war für „Gscheid gfreit“ wieder mit offenen Augen und Ohren unterwegs in ihrer (ländlichen) Welt.

Premierenkritik

„Gscheid gfreit“ mit Martina Schwarzmann im Lustspielhaus

München - Schon das Wort der Tochter für die Frau im Pelzmantel lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Schau, die hat a dood’s Viech o!“ Das lässt sich von der Mutter aber leicht toppen: „Naa, de werd a Werwolf, is aber no ned fertig!“

Szenen wie diese lassen tief blicken in die Seele der Martina Schwarzmann. Wenn’s sein muss, geht’s immer noch kindlicher, direkter, frecher.

Wild blühende Fantasie, gute Beobachtungsgabe und scharfer Intellekt sind die Ingredienzien, aus denen die Kabarettistin ihre Programme mixt. „Gscheid gfreit“ heißt der neueste Streich, der jetzt im Münchner Lustspielhaus seine Premiere erlebte. Zwei Wörter, mit denen schon alles gesagt ist – über den Charakter dieses Abends und über die erwartete Wirkung. Hier darf man sich amüsieren, aber (fast) nie unter Niveau.

Martina Schwarzmann war wieder mit offenen Augen und Ohren unterwegs in ihrer (ländlichen) Welt, in der nichts (Allzu-)Menschliches vor ihrem Spott sicher ist. Die eigene Sippe ist so ein unerschöpfliches Sujet („Da san Knaller dabei!“), Familienfeiern, bei denen über Darmspiegelungen und strangulierte Dackel gesprochen wird, spätgeborene Cousins („die fleischgewordene Menopause“), denen sich die verrücktesten Geschichten andichten lassen. Doch ist die Wortwahl noch so drastisch, das Madl in Jeans und mit Gitarre lächelt stets verschmitzt, sodass auch die allergrößte Verwünschung („Heid daschiaß i s’!“) schon fast wieder wie eine Liebeserklärung klingt.

Überhaupt ist Toleranz Trumpf, die innere Balance nicht zu verlieren oberstes Gebot. Das gilt vor allem für ihren eigenen Alltag, ihr Leben mit Mann und zwei kleinen Kindern, über das Schwarzmann ihr Publikum ausführlich informiert. Das Chaos in den eigenen vier Wänden schonungslos zu offenbaren, bringt Punkte, einschließlich der gesungenen Erkenntnis: „Multitasking is a Riesenscheißdreck!“ Und auch bei den Szenen einer Ehe hat sie die (wissenden) Lacher schnell auf ihrer Seite.

Doch die Kabarettistin beschränkt sich zum Glück auch weiterhin nicht auf Haus, Garten und „Nasenperlen“ beim Nachwuchs, dafür ist die Lust an der Anarchie, der Mut, das vermeintlich Vertraute mit ganz anderen Augen sehen zu wollen, viel zu groß. Und so lässt Martina Schwarzmann auch in „Gscheid gfreit“ die schrägsten Gedanken vom Strick, träumt vom „Arschhaartoupet“ für den Pavian, lässt im Kühlschrank nach der Chamäleonwurscht suchen und stört die Kreise der Mauersegler – „Doing!“. Das putzige Heimatidyll ist schnell zerstört, bei Schwarzmann heißt das, auf dem Friedhof zu lesen: „I bin der Sepp – und da bin i begrabn.“

Die Musik – keine Angst, die Harmonien sind nicht zu kompliziert – und der Dialekt sind die Mittel, mit denen die junge Frau aus Überacker (Landkreis Fürstenfeldbruck) auch die dickeren Brocken verdaulich macht. Das Lied über den „Weltdeppentag“ wird so von allen dankbar geschluckt. Aber – hoffentlich – auch ihr wunderbarer Appell an Dick und Dünn, einander nicht zu diskriminieren, denn „entscheidend ist, was drin ist im Hirn“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nächste Vorstellungen:

Mittwoch und Donnerstag, um 20.30 Uhr, sowie wieder am 14. und 15. April; Telefon 089/ 34 49 74.

Rudolf Ogiermann

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