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Zu spät – wenn Kabarettist Günter Grünwald die Bühne betritt, gibt’s kein Halten mehr.

Münchner Lustspielhaus

So ist Günter Grünwalds neues Programm

München - Schon der Titel seines neuen Programms ist eine kurze Analyse wert. „Da sagt der Grünwald Stop!“ – das klingt nach Konsequenz, nach Unbestechlichkeit, nach Integrität, nach „So etwas ist mit mir nicht zu machen!“

Alles falsch, beim Grünwald gibt’s – wie immer – kein Halten mehr, wer sich auf ihn einlässt, den reißt er mit sich in die Tiefen seiner schwarzen Seele, die doch auch die des Zuschauers sind. Nein, dieser Titel ist eine Finte, wie so vieles im Schaffen dieses Mannes.

Im Münchner Lustspielhaus ist in diesen Tagen ein Typ zu bestaunen, der mit der größtmöglichen Souveränität aus seinem Alltag erzählt, so, als hätte er sich alles gerade erst ausgedacht. So sicher, dass ein pseudo-verlegenes „Des war jetzt des!“ zum Abschluss einer Nummer schon wieder ein Gag ist. Der 55-Jährige liebt es, falsche Fährten zu legen, kündigt an: „Ich hole Menschen auf die Bühne und mache sie fertig!“, gibt sich als neuer Mann, der gerne den Putzlappen schwingt und bei „Pretty Woman“ weint – um einen Moment später mit beiden Händen die Lacher aller heimlichen Machos einzusammeln.

Günter Grünwald geht, nach einem buchstäblich etwas sperrigen Entree (eine U-Bahnstation als Bühnenbild) auch sonst genau dahin, wo’s schon wehtut, ohne dass man noch extra draufdrücken müsste – nicht umsonst heißt eines seiner alten Programme „Arschgeigenparade“. Was läge da näher als ein Ausflug in die Welt der (Boulevard-)Medien, in der putzige Tierkinder mit leichtem Schaden Schlagzeilen machen und „acht Trilliarden Gipskepf’“ applaudieren, wenn die „behinderten Viecherl“ auch noch im Fernsehen auftreten.

Überhaupt das Fernsehen – so grob kann Grünwald gar nicht sein, dass er nicht noch durch die „Bauer sucht Frau“-Realität getoppt wird. „Deutschland ist am Verblöden“, konstatiert der agile (Pseudo-)Pessimist im Freizeithemd – und wirft Szene um Szene ins tobende Volk, die diese These untermauern sollen. In Supermärkten, in Zügen und beim Italiener lässt er seine Geschichten spielen, hier marschieren „die größten Deppen“ auf, die dieser Kabarettist der ganz besonderen Art nur finden konnte. Sein überragendes Talent, sich in diese Figuren hineinzufühlen und hineinzuwühlen, lässt spüren, wie sehr er hier aus dem wahren Leben, aus seiner eigenen Biografie schöpft, mit allen existierenden und nicht (mehr) existierenden Verwandten und Bekannten.

Man muss einen Hang zum fäkalen Humor konstatieren, aber auch, dass Grünwald keine Angst davor hat, sich komplexere (Mode-)Begriffe vorzunehmen und ihre Aura blitzschnell zu atomisieren. Psychologie, Outsourcing, Apokalypse – der Irre aus Ingolstadt haut alles kurz und klein. Vor allem die Reflexe seines Publikums, an allen Ecken und Enden dieses Programms zu sich selbst „Stop!“ zu sagen. Und das ist seine größte Leistung.

Rudolf Ogiermann

Weitere Termine:

Bis Samstag, um 20.30 Uhr, Telefon 089/34 49 74. Ferner am 21. Juni, 20 Uhr, in Haar, am 23. Juni, 20 Uhr, in Unterschleißheim.

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