Gemeinsam – und doch allein: Emmi (Ann-Cathrin Sudhoff) und Leo (Ralf Bauer). Foto: larocca

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München - In Münchens Komödie im Bayerischen Hof feierte „Gut gegen Nordwind“ nach Daniel Glattauers Roman Premiere. Lesen Sie hier die Kritik:

Flirten, sich bei erotischem Knistern ernsthaft verlieben – ohne die sich unweigerlich einstellende Routine. Ohne die Verantwortung einer familiären Bindung. Ohne Seitensprung! Geht nicht? Geht wohl: Als durchaus realitätsnahe Internet-Beziehung hat Daniel Glattauer diese ultimative Liebes-Utopie in seinem Romanbestseller „Gut gegen Nordwind“ (2006) durchgespielt. Und kaum ein Regisseur, den die Bühnenfassung von Ulrike Zemme und Glattauer selbst nicht lockt.

Nach Michael Kreihsls Inszenierung von 2011 in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof hat nun Wolfgang Kaus’ Sicht dieser virtuellen Affäre höchlich erheitert. Zur Erinnerung: Durch einen Vertipper in einer Mail-Adresse entspinnt sich zwischen Emmi und dem falschen Adressaten Leo ein reger elektronischer Briefwechsel. Für sie ist es eine Auszeit von einer allzu gediegenen Ehe, für ihn die therapeutische Verarbeitung seiner Ex Marlene. Im Hin und Her vibrieren jedoch bald Neugier, Sehnsucht und starke gegenseitige Gefühle.

Die Atmosphäre ist bei Wolfgang Kaus leichter, beschwingter, jugendlicher. Möglicherweise inspiriert von dem mindestens zehn Jahre jünger wirkenden 47-jährigen Ralf Bauer, mit dem Kaus oft zusammenarbeitet. Thomas Peknys Bühne ist hell, hat keine Appartement-Trennwand und einen provisorisch-flüchtigen Charakter. Schon durch die Kleiderstange, von der sich die beiden Protagonisten für ihre diversen Outfits bedienen – ganz lässig vor Publikum. Dies ist kein neues, aber hier wunderbar stimmiges Regie-Detail: Die Zuschauer sind „privat“ einbezogen – und werden auch fast durchgehend frontal angesprochen. Ralf Bauer beherrscht das grandios. Die unsichtbare vierte Wand Schauspiel-korrekt sehr wohl wahrend, kann er die Mails mit seinem spitzbübischen Charme, mit seiner sportlichen Körperlichkeit – er ist ja immer irgendwie attraktiv in Bewegung – direkt ins Parkett schicken. Was diese „geschriebenen“ Texte pikant unverschriftet bei uns ankommen lassen.

Und wenn die beiden nach ihrem Incognito-Treffen in einem Café (auf der Bühne nicht dargestellt) zu raten versuchen, wer wohl von den Damen und Herrn dort Emmi und Leo gewesen sein könnte, dann ist das eine kleine Komödie für sich. Mit Ann-Cathrin Sudhoff, in Sprechtempo und schlagfertiger Replik Ralf Bauer nicht nachstehend, wird dieser sich gegenseitig abtastende, Ich/Du-erkundende, liebessüchtige Brief-Wechsel zum flitzig unterhalsamen Pingpong. Und wenn Bauer Glattauers Sprachwitz blitzeblank poliert, dann legt uns Ann-Cathrin Sudhoff Glattauers Gefühlsbotschaft ans Herz: letztlich möchte man den Partner „sehen, riechen, fühlen“. Und darum bleibt die risikolose, ungetrübte Liebe im virtuellen Raum eben doch – Utopie.

Malve Gradinger

Weitere Vorstellungen

bis 30. November;

Telefon 089/ 29 16 16 33.

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