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Was ist gute Architektur?

„Für ein Höchstmaß an Baukultur“: Der neue Vorstand im bayerischen Landesverband des Bunds Deutscher Architekten

„Baukultur“ und „Qualität“ sind die beiden Faktoren, um die sich beim Bund Deutscher Architekten alles dreht. Kürzlich wurde neu gewählt. Vorsitzende des Landesverbandes Bayern ist nun Petra Schober (München); beim Kreisverband München-Oberbayern Florian Fischer (München). Karlheinz Beer mit Hauptstandort in Weiden ist dagegen als BDA-Vertreter im Vorstand der Bayerischen Architektenkammer. Alle Kollegen arbeiten ehrenamtlich.

BDA und Kammer

Schober, Beer und Fischer klären im Gespräch in der bescheidenen Geschäftsstelle an der Münchner Blutenburgstraße sogleich den Unterschied. Die Kammer sei die berufsständische Vertretung aller Architekten, die sich aus den verschiedenen Verbänden zusammensetzt. Landschafts- und Innenarchitekten gehören auch dazu. Hingegen: „In den BDA kann man nicht so einfach eintreten“, betont Beer, „sondern man wird berufen.“ Zwei Bürgen müssen den Vorschlag machen, der Kandidat bewirbt sich mit entsprechenden Arbeiten, und ein Verbandsgremium entscheidet dann. Die meisten sind Freiberufler, aber Beamte und Angestellte können auch in den BDA-Kreis aufgenommen werden.

Baukultur

Der Bund will also das Besondere, Qualität. „Wir treten ein für ein Höchstmaß an Baukultur“, formuliert Florian Fischer das Ziel. Was aber ist unter „Baukultur“ zu verstehen? Geht es um schöne Häuser, wie man sie baut? „Eben nicht“, so Fischer. Der BDA möchte vielmehr mit ihr eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen: „Wir wollen die Gesellschaft und die Entscheidungsträger sensibilisieren für den Wert nachhaltiger und für lange Zeit akzeptierter Gebäude.“ Schober fügt an, Baukultur sei die Zusammenarbeit vieler, aber jeder kann sie schaffen, wenn er sich Mühe gibt.“ Und Beer pocht darauf, dass es dabei nicht um „Hochkultur“ gehe: „Das ist unser Alltag, unsere gebaute Umwelt, wo wir leben und arbeiten – von der Bushaltestelle bis zum Einkaufszentrum.“

Investoren

Schon nach diesen Sätzen wird klar, da sitzen Architekten, die nicht die Waffen strecken wollen und werden vor laschen Bauvorschriften, die der Deregulierungs-Wahn der 90er-Jahre hervorgebracht hat, die nicht erschöpft resignieren, wenn Land immer mehr zersiedelt wird, die sich nicht einschüchtern lassen von gesichtslosen Investoren-GmbHs. „Ja“, lächelt Beer wissend, „der klassische Bauherr ist abgelöst worden, gerade bei großen Bauvorhaben.“ Manchmal verhandele man mit jemandem, der während des Bauens schon nicht mehr in der Firma sei. „Aber es gibt ein Umdenken: Wenn ich den Wert eines Gebäudes erhalten will, brauche ich Qualität. Da gab es einen Lernprozess.“ Und Schober fügt hoffnungsfroh hinzu, dass Unternehmen „den Mehrwert von Architektur im Gegensatz zu Industriehallen vom Fließband“ sehr wohl erkennen würden. Auch im Wohnungsbau.

Münchner Qualität

Und in diesem Zusammenhang loben die drei unisono die Stadt München, insbesondere das Referat für Stadtplanung und das „starke Baureferat“. Hier gebe es einen hohen Qualitätsstandard, der auch Immobilienfirmen dazu bewege, auf Niveau zu achten. Dass Münchens Baukunst verzopft sei, wie so manche Kritiker nicht müde werden zu propagieren, lehnen Fischer, Schober und Beer einmütig ab. München habe „ein Erbe hochwertiger Baukultur“ und da sei eine „behutsame Stadtentwicklung“ genau richtig. Was langsam wächst, ist im Endeffekt nachhaltiger, ist das Credo der BDA-Sprecher. Deswegen setzen sie sich auch für charakteristische Bauten ein, zum Beispiel aus den 50er-Jahren. Was der Bund an München ebenfalls schätzt, ist die konsequente Durchführung von Wettbewerben.

Wettbewerbe

Wichtig seien „qualifizierte Wettbewerbe mit guten Jurys“, betont Karlheinz Beer. Bei ihnen werden die Verfahrensregeln – etwa Anonymität, Geldvergabe – eingehalten. Im Gegensatz zu „schwarzen Wettbewerben“, bei denen sich die Auslober mit schwammigen Bedingungen über alle Regularien hinwegsetzten. Mitglieder des BDA seien überdurchschnittlich oft Gewinner von Wettbewerben, strahlt Petra Schober in diesem Zusammenhang. „Der BDA engagiert sich für die Durchführung von Wettbewerben. Wir gehen da auch auf die Bürgermeister und die Gemeinderäte zu. Wir wollen sie überzeugen, dass ein Wettbewerb sinnvoll ist. Man bekommt dadurch die wirtschaftlichste und qualitätsvollste Lösung.“ Und damit ist man wieder bei der Baukultur. Deswegen mahnt Florian Fischer das BDA-Ethos an: „Ein Mitglied akquiriert nicht einfach ein Projekt für sich, sondern es plädiert für einen Wettbewerb.“

Bauen am Land

Große Städte wie München haben die Kraft, sich gegen Investoren durchzusetzen, bei kleineren Gemeinden wuchert aber oft ästhetisches Gestrüpp. Manche Dörfer möchte man – außer die alten Häuser und die Kirche – einfach nur noch einebnen. Auch bei diesem Thema bleiben die drei sowohl zukunftstapfer als auch diplomatisch. „Am Land wird’s problematisch“ gibt Petra Schober zu, die Entscheidungsträger und Politiker seien gefragt. Karlheinz Beer entsetzt sich über die 70er-Jahre-Siedlungen, die „wenig Kontextqualität“ hätten, auf gut Deutsch: öde in der Gegend rumstehen. „Gleichzeitig werden die Ortskerne entvölkert.“ Um da gegenzusteuern, würden sich die Kreisverbände in den einzelnen Regionen engagieren. Man setze da auch auf die Oberste Baubehörde (Staat), Kreisbaumeister und den Tourismus, der ja von unverwechselbaren Dörfern und nicht zersiedelter Landschaft lebt. Um auch richtig gute Alternativen zeigen zu können, veranstaltet der BDA neben Vorträgen, Architekturwoche oder Informationen an den Schulen sogar Exkursionen für Gemeinderäte und Bürgermeister in bauliche Vorzeige-Regionen wie Vorarlberg. „So könnt’s bei uns auch sein“, seufze da mancher Kommunalpolitiker, der endlich einmal in den sinnlichen Genuss von modernen, aber landschaftlich angepassten Holzhäusern komme, erzählt Schober. Und ist denn nun ein Landhaus im pseudo-toskanischen Stil, gebaut von einem Bauträger (ohne Architekten), billiger als ein richtiges Architekten-Haus? Wenn man die Qualität fair vergleiche, dann fahre man als Bauherr mit Architekt besser, so die Antwort. Denn die hervorragend ausgebildeten Fachleute sorgen für Qualitäten wie geringe Unterhaltskosten; der Bau ist maßgeschneidert und der Wiederverkaufswert ungleich höher.

Marstall-Streit

Und wie hält’s der BDA mit dem Marstall, den ja viele unbedingt als Konzertsaal für das BR-Symphonieorchester umbauen wollen? Unterschwellig wird im Gespräch deutlich, dass der BDA versäumt hat, bei so einer populären Diskussion Stellung zu beziehen. Aber die Positionen gehen wohl unter den Mitgliedern zu weit auseinander. Florian Fischer spricht also ausdrücklich für sich selbst: „Ja, jedes Orchester braucht für sich ein eigenes Haus, aber der Marstall ist dafür nicht geeignet.“

Simone Dattenberger

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