Gute Bilanz ­ -Große Probleme

München - Nach der Bühnen-Bilanz in der Weihnachtsausgabe soll nun auch das Kunst-Jahr 2007 in München und Oberbayern mit seinen glanzvollen und matten Seiten Revue passieren.

A wie Andreas Gursky: Der international hoch bewertete Fotokünstler besetzte ab Februar das Haus der Kunst mit phänomenalen Riesenformaten digital raffiniert bearbeiteter Aufnahmen. Ob Formel 1-Wahnsinn oder karge Landschaft: Sie überzeugten auf beeindruckende Weise.

B wie Beckmann: Spannend wie ein Rätsel-Park ist die Ausstellung "Max Beckmann ­ Exil in Amsterdam" in der Pinakothek der Moderne, die im September startete und zum Glück bis Ende Januar 2008 verlängert wurde. Die Bilder dieses einzigartigen Expressionisten entführen in faszinierende Traumwelten.

B wie BMW-Welt: Das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au bescherte den Autobauern und München eine so pfiffige wie praktikable Architektur. Es wurde zwar ein mächtiges urbanes Signal am Mittleren Ring positioniert, aber das Umfeld wird nicht dominiert.

C wie Cleveland Museum: Das Bayerische Nationalmuseum lud sich im Mai edle Gäste ein, und zwar Meisterwerke aus der Zeit von 300 bis 1550. Ein Blick ins Mittelalter, vielfältig und feinsinnig.

D wie "Die 7 Todsünden": Das war ab Ende Juli eine der exzellenten und gut überlegten Ausstellungen des Murnauer Schlossmuseums. Das alte System von Tugenden und Lastern wurde in einem bunten und lehrreichen Reigen dem Besucher nahe gebracht.

E wie Europa: Die große Schau "Blicke auf Europa" brachte ab Juni wunderbare Gemälde aus dem 19. Jahrhundert in die Neue Pinakothek. Wie sahen die Künstler damals die Länder der Alten Welt, und welche Träume verbanden sie damit? Herrliche Serien von Caspar-David-Friedrich- oder Menzel-Werken waren zu bewundern.

F wie Fledermaus: Das Museum Villa Stuck bot ab Oktober Jugendstil vom Feinsten. Alles, was sich um das Wiener Kabarett Fledermaus (1907-1913) rankt, ist im Original zu sehen (bis 27. 1.).

G wie "Gärten": Die Präsentation im Kunstbau des Lenbachhauses war ab April einer der Höhepunkte des Ausstellungsjahres in München ­ zwischen beseeltem Blütenrausch und duftiger Melancholie, nüchterner Naturanschauung und ersehntem Paradiesgärtlein.

G wie Gilbert & George war ein weiterer Höhepunkt, ab Juni im Haus der Kunst. Die ausladende Retrospektive auf das Werk der britischen Pop-Art-Stars von der besonderen Gestalt schilderte alles von den ersten Zeichnungen der jungen Studenten bis zum Altersschaffen.

H wie "Humanism in China": Die umfangreiche Fotosammlung, die die Zeit seit Mao bis heute beschreibt, brachte ab Sommer Informationen ohne jegliches Klischee in die Pinakothek der Moderne (PDM). Wichtig: der Mensch als Individuum.

I wie Isa Genzken: Die Trägerin des Kunstpreises der Münchner Stadtsparkasse bespielte heuer zwar "nur" den Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig, aber das Lenbachhaus besitzt eine stattliche Reihe ihrer Arbeiten. Um die Sammlung weiterhin sinnvoll auszubauen, dokumentierte die Schau "Perspektive 07", welche Wünsche man hat. Darunter ein urlaubsfröhliches Objekt von Isa Genzken.

J wie Jüdisches Museum: Ende März war es so weit, der Neubau am St.-Jakobs-Platz wurde eingeweiht. Eine ganze Reihe von Ausstellungen war unter dem Titel "Sammelbilder" bisher schon zu sehen ­ von Volkskunst bis zur Kunsthändlerfamilie Bernheimer jetzt (bis 16. März).

K wie Kapoor: Das Haus der Kunst wurde von dem indischen Bildhauer Anish Kapoor in eine Wunderkammer voll von Vexierbildern verwandelt. Der Betrachter wird aus der Sicherheit von oben und unten, rechts und links geschleudert. Hier kann keiner seinen Augen trauen. Eine herausragende Schau (bis 20. Januar).

L wie Lothringer 13: Die Städtische Kunsthalle für aktuelle Kunst an der Lothringer Straße bemüht sich um ungewöhnliche Konzepte und nicht abgenutzte Künstlernamen. Wichtig ist jetzt vor allem, dass die Stadt endlich für eine planbare Zukunft sorgt. Das heißt, der jeweilige Kurator muss sich darauf verlassen können, dass die Stätte ein festes Domizil bekommt und nicht ständig auf Abruf (Mietvertrag nicht verlängert) existiert.

M wie Matthew Barney: Die Sammlung Goetz an der Oberföhringer Straße 103 bietet stets Hochkarätiges. Aber eine Präsentation mit ­ gewissermaßen ­ dem Gesamtwerk des extrem schrillen und klugen Film-Künstlers herauszubringen, ist schon etwas ganz Besonderes (bis 29. März).

N wie "Nolde bis Beckmann ­- Jorn bis Richter": Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung lädt sich immer wieder auswärtige Sammlung ein. Henri Nannens Schätze, in der Kunsthalle Emden beheimatet, waren ab Januar 2007 ein veritabler Augenschmaus. Die Leidenschaftlichkeit der meist expressiven Werke spiegelte eindrucksvoll die Liebe des Sammlers und Zeitungsmannes.

O wie Olympiapark: Die Bayerische Akademie der Schönen Künste ließ im Herbst einen Warnruf erschallen. Das weltberühmte Gesamtkunstwerk aus Natur und Architektur, der Olympiapark, sei bedroht. Um Wirtschaftlichkeit zu erzielen, wolle die Stadt ihn teilweise bebauen. Eine erschreckende Perspektive, die hoffentlich nie Realität wird.

P wie Franz Graf von Pocci: Vor 200 Jahren wurde der Erfinder des bayerischen Kasperls geboren. Stadtmuseum und Staatsbibliothek widmeten dem Hofbeamten, Zeichner, Dichter und Komponisten im Frühling und Sommer je eine Schau.

P wie Christoph Paudiß: Das Freisinger Dommuseum machte ab März den Besuchern ein großartiges Geschenk mit der Entdeckung dieses "bayerischen Rembrandts".

P wie Pinakothek der Moderne: Sie wurde Mitte September fünf Jahre alt, ein Kunst-Juwel, das aus Bayern nicht mehr wegzudenken ist. Aber es gibt Probleme, die dringend gelöst werden müssen. Die finanzielle Ausstattung für Ausstellungen ist minimal, Ankaufsetat gibt es fast keinen. So wird die Zukunftsfähigkeit der bayerischen Kunstlandschaft aufs Sträflichste verspielt. Ein Museum, das nicht systematisch sammeln kann, ist tot.

Q wie Quilts: Da sage noch einer, Volkskunst sei nicht topmodern. Die Decken der US-amerikanischen Amishen, die aus geometrisch angeordneten Stoffeckchen komponiert sind, erinnern an die Malerei der klar gegliederten Abstraktion. Das bewies ab April das Design-Museum in der PDM.

R wie Rupprecht Geiger: Die wichtigste 2007er-Exposition wurde jetzt gerade am Jahresende eröffnet. Das Lenbachhaus feiert mit einer wunderbaren Retrospektive auf 70 Jahre Maler-Schaffen den berühmten Sohn Münchens. Geiger, der mit seiner Farb-Vitalität begeistert, wird am 26. Januar 2008 hundert Jahre alt. Die Präsentation ist bis 30. März zu erleben ­ eine Frischzellenkur für Körper und Geist.

S wie Schlingensief: Der Theater-, Film- und Kunst-Chaot machte im Haus der Kunst seinem Image zum Glück keine Ehre (ab Ende Mai). Christoph Schlingensief entwickelte vielmehr eine klare Installation, bei der er die Figuren eines brasilianischen Karnevalwagens, die das Letzte Abendmahl darstellen, mit eigenen Filmimpressionen aus Südamerika und Afrika verknüpfte.

T wie Wolfgang Tillmans: Der angesagte Fotokünstler gab sich ab Juni im Münchner Kunstverein die Ehre. Er schuf sogar München-spezifische Bilder. Allerdings ging die Schau in der Aufmerksamkeit der Stadt ziemlich unter. Das Kunstverein-Team muss noch an seiner Außenwirkung arbeiten . . .

U wie Günther Uecker: Die Bayerische Versicherungskammer erfreut mit gut konzipierten Ausstellungen, die obendrein bei freiem Eintritt zu genießen sind. Man holte sich den (Nagel-)Star Uecker Ende März mit seinen feinsinnigen "Briefen aus China".

V wie Vezzoli: Er ist ein frecher Kerl, der mit gnadenlos kitschigen Porträts ­ First Ladys samt Haustier samt gestickten Tränen ­ an der Macht kratzt. Die Schau "Primadonnas" in der PDM lockt außerdem mit dem US-Wahlkampf-Video "Democrazy" ­ mit Sharon Stone (bis 17. Februar 2008).

W wie Werkbund: Mit einer fabelhaften Ausstellung des Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne feierte der Werkbund seinen 100. Geburtstag. Das spannende Bauprojekt "Wiesenfeld" mit dem fröhlichen Entwurf des Architekten Kazunari Sakamoto scheiterte am Willen der Stadt, die Fantasie aufzubringen, etwas Ungewöhnliches mit ungewöhnlichen Mitteln umzusetzen.

X wie die Unbekannte: Die war eine Sammlung von goldenen Dosen aus dem Besitz der Thurn und Taxis. Das Nationalmuseum rechnete mit der Unbekannten ­ und die Lösung ist eine zauberhafte Präsentation zwischen Gold, Brillanten und viel buntem Email (bis 30. März).

Y wie Yayoi Kusama: Die Japanerin punktete im Haus der Kunst ab Februar. Der massiven Architektur setzte sie die Flüchtigkeit luftiger Riesenballons entgegen: Pink mit schwarzen Punkten.

Z wie "Im Zeichen des goldenen Greifen": Über die Kultur der Skythen aus asiatischen Steppengebieten und die Funde aus ihren Königsgräbern informiert detailreich und goldglänzend die Hypo-Kunsthalle. Geschmacklos ist allerdings die Präsentation eines tiefgefrorenen Leichnams (bis 20. Januar).

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