Forum Romanum

Ein ausgestellter Historien-Krimi

München - Modelle des Forum Romanum erzählen in der Glyptothek vom Verlust der Republik und der neuen Alleinherrschaft.

Ein Gewimmel ist das hier – wie auf einem großen Platz! Man muss sich fast durchdrängen durch all die vielen Leute. Grantig werden die allerdings nicht, verharren gelassen auf ihrem Posten. In der Halle der römischen Porträtköpfe, die die Münchner Glyptothek beherbergt, gibt es einen Neuzugang. Aber nicht noch eine arrogante Matrone, nicht noch einen knorrigen Kerl, nicht noch einen feinen Jüngling – sondern den Ort für all diese Menschen. Unter dem Motto „Im Zentrum der Macht“ hat Museumschef Florian Knauß zwei große Holzmodelle des Forum Romanum von Erlangen nach München geholt. Er will damit „die Skulpturen zum Sprechen bringen und die Akteure in ihrem Aktionsraum“ präsentieren.

Deswegen gibt es jetzt bei den Großkopferten Sulla und Marius, Caesar und Cicero sowie Augustus ausführlichere Erläuterungen im Saal zu lesen. Schließlich prägten sie das Reich auf der Kippe von der Republik zur Herrschaft eines Einzelnen. Und im Mittelpunkt dieses Reichs lag das Forum in Rom: Symbol der Macht, mal gebändigt durch die Gewaltenteilung, mal als durch Propaganda vergöttlichte Diktatur; Symbol eines vitalen Gemeinwesens zwischen religiösen Überzeugungen, magischem Denken und handfesten wirtschaftlichen Handlungen, zwischen Rechtsprechung und Politik, zwischen Verwaltung und Unterhaltung. Kurzum: Das Forum Romanum war das Ideal eines städtischen Platzes, war Lebens- und Identifikationsraum.

Um das erlebbar zu machen, hatte Martin Boss, Kustos der Antikensammlung der Universität Erlangen, Studenten mit dem Bau von zwei Modellen beauftragt. Zu jedem Gebäude mussten sie sich den Forschungsstand erarbeiten; bei manchen Bauten sind auf dem heutigen Ruinenfeld in Rom nicht einmal mehr die Fundamente erhalten. Da müssen dann schriftliche Quellen genauso herhalten wie winzige Darstellungen auf Münzen. Außerdem verzichtete Boss auf alle technischen Hilfsmittel. Die Holzmodelle sind bis hin zu den Babyfingernagel-großen Dachziegel handgemacht. Damit ist gewährleistet, dass man Fehler, anders als bei 3 D-Tricks, sozusagen am eigenen Leib spürt. Bei der Basilica Aemilia (Halle für Verwaltung und Handel) aus der Augustus-Zeit habe man „auf der Höhe des Erdgeschosses gemerkt, dass da was nicht funktionieren kann“, so Boss. Man komme wohl auf vier Varianten des riesigen Baus am Forum. Die beiden Modelle sind ohnehin so gehalten, dass jede neue archäologische Erkenntnis eingearbeitet werden kann.

Der eigentliche Clou der Schau ist freilich nicht das Modell an sich, sondern die Vergleichs-Aussagekraft des Duos. Das eine Holz-Arrangement schildert den Platz um 50 v. Chr., als Caesar und Cicero aktiv waren. Die Regierungsform war die Republik (Res Publica); wir wissen, dass sie bald zusammenbrechen wird. Das andere Arrangement präsentiert das Forum Romanum um 10 n. Chr., also zu Augusteischer Zeit. Die Alleinherrschaft hatte sich verfestigt. Derartige „Mechanismen“ will Boss anhand „der antiken Urbanistik“ aufzeigen. Zugleich, warum dieser Platz so hervorragend funktioniert hat. Und besonders stolz ist der Wissenschaftler darauf, dass sich auch Architekturstudenten in die Modelle vertiefen. Denn wer wüsste nicht, dass die meisten Stadtplätze unserer Tage eben nicht funktionieren, nur ungemütliche Anti-Orte sind?

Das erstere Forum weist eine relativ lockere und bescheidenere Bebauung auf. So sind zum Beispiel die Basiliken nicht gigantomanisch; davor liegen Schrannenhallen-mäßig die Ladenzeilen. Es gibt Tempel, Staatsarchiv, Senat, Gefängnis, Monumente, Verwaltungsbereiche und den Sitz des Oberpriesters. Martin Boss streicht jedoch den offenen Comitium heraus, den Versammlungsort fürs Volk und Gerichtsplatz. Transparenz sei hier städtebaulich gewollt und gelebt worden. Die ist beim Forum des Augustus verschwunden. Alles ist geordneter, massiver, monumentaler – ohne Versammlungsstelle(!). Man protzt nicht schlecht. Und vor allem wird an möglichst vielen Örtlichkeiten der Anlage Augustus, Caesar und dem Iulier-Clan (im Lateinischen gibt es kein J) gehuldigt.

Bei beiden Modellen wird in der Glyptothek jedes Element genau erklärt bis hin zu dem legendären Feigenbaum, unter dem die Wölfin Romulus und Remus gesäugt hatte, oder dem Heiligtum der Quellnymphe Iuturna. Einziges Manko bei dieser griffigen Geschichts-Schau ist, dass die Modelle zu weit voneinander entfernt stehen. Der direkte Vergleich ist erschwert. Im Forum-Gewimmel fehlt es halt an Platz.

Simone Dattenberger

Bis 8 November

täglich außer Mo. 10–17 Uhr, Do. bis 20 Uhr; Führungen für Erwachsene und Kinder: genaue Informationen unter Telefon 089/ 28 61 00.

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