Haarscharf die Kurve gekratzt

- "Von der Kunst, aufeinander zu hören" hat Arnold Steinhardt, der Primarius des Guarneri Quartetts, seine Autobiografie untertitelt. Tatsächlich: Wie die vier Herren, drei davon Gründungsmitglieder des renommierten Ensembles, in den 41 Jahren seines Bestehens gelernt haben, einander zuzuhören, aufeinander zu reagieren, das kann nach wie vor faszinieren.

<P>Und so gelangen im Herkulessaal immer wieder Episoden von großer musikalischer Suggestion: Wenn in Ludwig van Beethovens Streichquartett G-Dur op. 18/2, dem "Komplimentier-Quartett", kurz vor der Reprise eben jenes "Komplimentier"-Thema in der ersten Geige liebenswürdig dahinfließt wie immer, die drei anderen Instrumente aber allesamt unruhige, fast zerstörerische Kontrapunkte dagegen setzen, dann offenbart sich sogartig die ganze aufwühlende Kraft dieser Musik. Solche starken Momente aber täuschten gerade bei Beethovens klassisch-schlanken Linien nicht darüber hinweg, dass bei den Guarneris (schon seit längerem) die Frage nach einer anderen Kunst ins Haus steht: "Von der Kunst, aufzuhören"?</P><P>Bei Arnold Steinhardt fällt es am meisten auf: kleinste Unsicherheiten in der Intonation, stumpfe Akzente, verwaschene Artikulation. Es leiert, so sehr, wie es bei einem Ensemble der Spitzenklasse nicht darf. Wie die vier dennoch immer wieder haarscharf die Kurve kratzen, bleibt ihr Geheimnis. Das kaum gespielte Streichquartett Des-Dur op. 15 von Ernst von Dohnányi jedenfalls geriet mit schwelgerischem Streichersound viel homogener als der Beethoven, ein neuromantisch-klangschönes Stück, sehnsüchtig-wehmütig, ohne jegliche Zündeleien an der Tonalität.</P><P>Und gerade beim allerletzten Werk des Abends, schon nach Antonín Dvoráks Unruhe erfülltem Streichquartett C-Dur op. 61, wussten die vier noch einmal zu zaubern: Das zugegebene Fugen-Finale aus Mozarts frühem Streichquartett KV 168 ließ durch hinreißende Frische manche zuvor erlebte Unvollkommenheit vergessen.</P>

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