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Herbert Blomstedt (84) wird morgen und am Freitag in München Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“und Anton Bruckners siebte Symphonie dirigieren.

„Habe ich das alles gemacht?“

München - Zu Gast beim BR-Symphonieorchester: Dirigent Herbert Blomstedt spricht im Merkur-Interview über Bruckner, Religion und Karriere.

Seine biografischen Daten nimmt man ihm nicht ab. Herbert Blomstedt, 84 Jahre jung, einer der großen „alten“ Pultstars, ist diese Woche wieder zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Mit der ihm so eigenen Mischung aus Ironie und unaufdringlichem Wissen um Feinheiten und Hintergründe leitet er gerade die Proben im Herkulessaal. Auf dem Programm der Konzerte morgen und am Freitag stehen Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“ (mit Thomas Zehetmair) und Anton Bruckners siebte Symphonie.

Die Orchester weltweit wollen bei Bruckner immer die Elder Statesmen haben. Hat Bruckner etwas mit dem Alter zu tun?

(Stirnrunzeln, dann Lächeln.) Das ist sehr individuell. Ich habe Bruckner von Anfang an geliebt – und Mahler gehasst. Meine Mahler-Liebe hat viel Zeit gebraucht. Bruckner war für mich sofort selbstverständlich. Als 13-Jähriger habe ich erstmals eine seiner Symphonien gehört. Ich ging mit meinem Bruder nach Hause, durch einen Park, und wir versuchten sofort, die Themen der Vierten zu singen. Kurz danach hörte ich Mahlers Erste, die fand ich schrecklich und vulgär. Für einen Bach-Enthusiasten und Beethoven-Verehrer war das keine würdige Musik. Ich war einfach noch nicht reif genug.

Ist Bruckner auch ein problematischer Komponist, weil man sich in seiner Emotion verlieren kann?

Jede romantische Komposition ist gefährlich. Mahler noch viel mehr, weil Bruckner objektiver ist. Die meisten flüchten bei Bruckner in diese kirchliche Weihrauchstimmung, das ist nicht die Wahrheit. Bruckner war ein gläubiger Mensch. Aber er schrieb über die Messen hinaus Symphonien, weil die Kirche ihm nicht genügte. Er war naiv in gutem Sinne. Das Evangelium sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich.“ Ein solches kindliches Verhältnis zu Gott hatte Bruckner.

Die Symphonien sind also nicht allein religiöse Musik...

...nein, viel allgemeinere! Verehrung von allem, was groß und schön ist, spricht aus dieser Musik. Gott ist dafür nur ein Symbol.

Christian Thielemann sagt, bei einer Bruckner-Symphonie komme ihm die Landschaft Ostpreußens in den Sinn. Nikolaus Harnoncourt denkt an die Alpen. Und Sie?

Ich höre sehr viel Natur heraus. Die Voralpen-Landschaft mit der Bergkette am Horizont, so sind Bruckners Symphonien. Es steigt langsam an, bricht plötzlich ab. Man erlebt eine ganz eigene Idylle – das übrigens verbindet Bruckner mit Schubert.

Muss man also das österreichische Wesen ein Stück weit verstehen können, um diese Musik dirigieren zu können?

Man muss es vor allem lieben können. (Lacht.) Es ist sehr viel Intuitives dabei. Schubert und Bruckner kann man zwar auf dem Papier auseinander nehmen, aber das sagt nicht ein Zehntel von dem aus, was dasteht. Diese Kunst entzieht sich der Analyse.

Wie haben sich Ihre Bruckner-Interpretationen verändert?

Wenn man jünger ist, hat man viele Vorbilder. Für mich war Eugen Jochum mein Bruckner-Ideal. Wir waren befreundet. Als junger Student war ich in seinen Proben. Ich schrieb ihm, stellte einige Fragen und unterzeichnete mit „Ihr kleiner Bruder“. Er antwortete umgehend: „Streichen Sie den ,kleinen ‘!“ Ein wunderbarer Mensch. Er lernte Bruckner in den alten Interpretationen kennen von Franz Schalk und Ferdinand Löwe. Die dirigierten viele Dinge, die nicht in den Originalausgaben stehen. Gerade, was die sehr romantischen Tempi betrifft. Die Siebte ist ein Prachtbeispiel für dieses sich verändernde Bruckner-Verständnis.

Liegt das auch daran, dass Sie sich von Anfang an mit Barock beschäftigt haben?

Das spielt sicher eine Rolle. Ich bin in der protestantischen Kirchenmusiktradition aufgewachsen und habe in Basel Alte Musik studiert. So etwas steigert den Respekt vor dem Notentext.

Stellen Sie sich vor, Sie wären jetzt 25. Sind Sie froh, dass Sie zu Ihrer Zeit Karriere gemacht haben?

Oh ja. Ich habe viel von den großen Dirigenten gelernt. Ich habe viele Furtwängler-, Toscanini- und Walter-Konzerte gehört. Ich war oft in den Proben. Toscanini empfand ich als unglaublich modern und perfekt in seiner Körpersprache, Furtwängler in seinem Stil unnachahmlich. Menschlich habe ich Bruno Walter am meisten bewundert.

Wie oft haben Sie die Siebte dirigiert? Führen Sie eigentlich Buch über Ihre Konzerte?

Ich habe Kalender, in die ich alles eintrage. Und das schon von Anfang an, seit 1952. Zu Beginn ist das ja besonders interessant, wenn man nur zwei Konzerte im Jahr hat... Aber auch später, bei bis zu 100 Terminen, hatte ich das Gefühl: Ich muss das wissen. Eine Schülerin von mir in San Francisco hat das digitalisiert. Sie bat mich um meine Notizbücher, weil sie meine Programme studieren wollte. Und als ich nach zehn Jahren in San Francisco aufhörte, überreichte mir das Orchester einen Ausdruck. Alle Konzerte nach Komponisten, Orchester, Städten, Werken und Terminen katalogisiert! Ein dickes Buch. Wenn man das sieht, kriegt man Angst: Habe ich das alles gemacht? Kann man so viel auch gut machen?!? Anfangs notierte ich sogar das Honorar in einer Musikgeheimschrift.

Verraten Sie die?

Sicher! Wenn ich 100 Kronen bekam, notierte ich das Intervall einer Prim und zwei Pausen. 2500 war eine Sekunde, eine Quinte und zwei Pausen. Das ließ ich sehr bald sein...

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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