Habe ich Hosen an, bin ich ein Mann

- Erst im zweiten Anlauf klappt's: Nachdem das Gärtnerplatztheater seine für April geplante konzertante Aufführung von "Der Corregidor" absagen musste, ist Hugo Wolfs einzige Oper nun heute, 19.30 Uhr, im Münchner Herkulessaal zu hören. Anlass ist der 100. Todestag des Komponisten, David Stahl dirigiert. Alexandra Petersamer singt die Müllersfrau Frasquita, in die sich der Statthalter, also Corregidor, verliebt, was einige Verwicklungen provoziert. Die Mezzosopranistin stammt aus Landau, studierte in München und ist seit drei Jahren am Gärtnerplatz engagiert.

Wie wirkt Frasquita auf Sie?

Petersamer: Es ist eine kleine Carmen, die ihrem Mann treu ist - aber mit jedem Menschen flirtet. Stimmlich ist alles drin, die Partie geht hoch hinauf, so dass man denkt: Ist sie doch für Sopran geschrieben? Ich finde das Stück schwer, weil es den Stil des Liedgesangs mit großem Orchesterklang verbindet.

Will man als Bühnen-erprobter Sänger am liebsten aus der konzertanten Situation "ausbrechen"?

Petersamer: Ich muss eben alles mit der Stimme andeuten. Gerade das liebe ich. Ich habe in Salzburg als Knappe einen konzertanten "Parsifal"-Aufzug mitgemacht und erlebt, wie Placido Domingo und Waltraud Meier über pures Singen Spannung aufgebaut haben. Auf die Szene kann man da verzichten - arme Regisseure.

Ich werde Sängerin: Das stand von Anfang an fest?

Petersamer: Das hatte ich mir schon mit fünf Jahren vorgenommen. Als Kind hatte ich nie ein Opernhaus von innen gesehen, meine Eltern hörten auch keine klassische Musik. Dann kam der Schulchor, mit elf der erste solistische Auftritt. Ich könnte in keinem anderen Beruf existieren. Da ich sehr jung angefangen habe, zog ich oft die Bremse, um nicht verheizt zu werden. Es ging langsam vorwärts, aber das ist genau mein Tempo. Deshalb war ich auch froh, die ersten Jahre in Dessau gewesen zu sein. Dort saßen nicht die großen Agenturen oder Dirigenten, so dass man leichter nein sagen konnte.

Welche Partie kommt Ihnen besonders entgegen?

Petersamer: Von der Person her Aschenputtel. Stimmlich eher nicht, ich wollte mir nur einmal beweisen, dass ich auch Koloraturen singen kann, dafür übte ich wie eine Irre. Es klappte, und damit war die Sache abgehakt. Diese Figur hat etwas Echtes, sie glaubt an die wahren Werte. In der Beständigkeit liegt ihre Stärke.

Und wie kommen Sie mit den Mezzo-typischen Hosenrollen zurecht?

Petersamer: Ich hatte während des Studiums eine gute, sehr strenge Schauspiellehrerin - auch wenn ich von der Figur her nicht der richtige Typ für eine Hosenrolle bin (lacht). Doch ab dem Moment, in dem ich das Kostüm anziehe, bin ich ein Mann und muss mich fragen, auf welche Toilette ich gehen soll.

Arbeiten Sie noch mit einem Gesangspädagogen?

Petersamer: Immer noch mit demselben, es ist eine Art Kundendienst. Franz Grundheber sagte neulich, er habe stets seinen Lehrer dabei: Mr. Walkman. Ich habe mir jetzt auch einen gekauft, da bin ich knallhart. Die Vorstellung noch einmal zu hören, ist schrecklich - aber hilfreich. Obwohl ich mir eigentlich immer eingestehe, wenn ich Fehler gemacht habe und mich so nicht vom Applaus blenden lasse.

Und wie abhängig ist man vom Applaus?

Petersamer: Er tut schon gut. Aber ich will mein Leben nicht nur auf der Bühne verbringen, für mich ist das Private genauso wichtig. Erst die Familie festigt doch die Persönlichkeit. Jemand, der nur für die Kunst lebt, ist gefährdet. Gerade bei jüngeren Sängern ändert sich hier die Einstellung. Ich möchte auch mal meine Blumen wachsen sehen - oder etwas anderes "Primitives" tun. Das erst gibt mir die Energie, auf der Bühne sein zu können. Ein ständig umher reisender Star wird bestimmt nicht aus mir.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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