Ich habe das nicht nötig

- Germanische Weltentwürfe im idyllischen Inntal: Was 1998, von manchem belächelt, mit dem "Rheingold" startete, ist nun vollendet. Erstmals wird im Passionsspielhaus Erl Richard Wagners kompletter "Ring des Nibelungen" aufgeführt. Im Mittelpunkt des inzwischen international beachteten Spektakels: Gustav Kuhn, der als Dirigent, Regisseur und Festival-Gründer dem Dorf unweit Kufsteins die Tiroler Festspiele bescherte. Doch nun dräuen dunkle Wolken am Horizont.

<P>Der "Ring" ist fertig: Mischt sich in die Euphorie darüber auch Frust, weil nun eines Ihrer großen Ziele erreicht ist?</P><P>Kuhn: Euphorisch bin ich nicht, zufrieden schon. Träume rücken sich nach vier aufwändigen Produktionen zurecht. Da stellt sich öfter die Frage nach der objektiven Wichtigkeit. Ich wollte einen "Ring" produzieren, der dieses größte Gesamtwerk der Opernliteratur ganz natürlich zeigt. Was mich ärgert, ist dieser verkrampfte politisch-ideologische Ansatz beim "Ring". Das tut der Musik nicht sonderlich gut.</P><P>Hand aufs Herz: Haben Sie jemals an der Realisierung Ihres "Rings" gezweifelt?</P><P>Kuhn: Nie. Auch als ich einmal Segel-Meisterschaften gewonnen hatte, habe ich selbst bei acht Windstärken immer daran geglaubt, dass ich in den Hafen zurückkomme. Im Laufe der Arbeit am "Ring" ist der Respekt vor Wagner gewachsen. Man kriegt eine andere Einstellung zu dem, was landläufig als musikalisches Genie bezeichnet wird.</P><P>Was wurde an den Inszenierungen geändert?</P><P>Kuhn: Im Gesamtkonzept nichts, es wird ein bisserl abstrakter. Wir gehen von der Kargheit des "Rheingolds" zur Kargheit der "Götterdämmerung", dazwischen gibt's zwei etwas opulentere Kuchen.</P><P>Welche Unterstützung genießen Sie von Kommune, Land und Staat?</P><P>Kuhn: Da bin ich sehr unglücklich. Wir werden relativ gut gefördert von der österreichischen Bundesregierung. Vor einiger Zeit bekamen wir sogar einen Wirtschaftspreis, weil die Tiroler Festspiele die Region Kufstein in den letzten Jahren am meisten verändert haben. Dem entgegen steht das Verhalten des Landes Tirol. Seit dem Machtwechsel ist es äußerst schwierig. Der neue Landeshauptmann Herwig von Staa von der Volkspartei sagte mir: "Macht's doch lieber eine ,Traviata, die ist billiger." Das halte ich für einen merkwürdigen kulturpolitischen Ansatz.</P><P>Und was bedeutet das finanziell?</P><P>Kuhn: Ich dirigiere "Traviata" gern, aber dafür brauche ich kein Festival. Ich habe in die Festspiele rund eine Million Euro meines Privatgeldes investiert, zahle mir selbst keinen Groschen Gehalt. Von Staas Kulturprogramm erschöpft sich darin, dass er 20 Prozent einsparen will. Mein Vorschlag wäre, dass das Land den Festspielen eine einmalige Entschuldung von 660 000 Euro gewährt, 340 000 gingen dann auf meine Kappe. Wir haben doch riesigen Erfolg: 40 000 Zuschauer allein aus Tirol kamen zu uns, er noch nie.</P><P>Oper kann man nicht von heute auf morgen planen. Was bietet dann Erl unter diesen Voraussetzungen in den nächsten Jahren?</P><P>Kuhn: Wenn die Politik bei ihrer Haltung bleibt, mache ich nur noch zwei Spielzeiten weiter, mit "Traviata", "Tosca" und "Madame Butterfly". Wahnsinnig spannend. Ich will dem Land nicht etwas aufdrängen, was es nicht schätzt. Manche kommen auf die perverse Idee: Der Kuhn braucht Erl. Alles Quatsch. Ich sitze lieber in meinem Swimmingpool in Lucca und verzehre mich nicht 16 Stunden am Tag. Ich habe ein Festival nicht nötig, ich will einfach junge Leute fördern - wie in meiner Accademia di Montegral bei Lucca. Überall wird immer nur Blabla gemacht wegen europäischer, völkerverbindender Projekte. Und wenn es dann eines gibt . . .</P><P>Klingt sehr pessimistisch: Das Aus für Erl?</P><P>Kuhn: Ach nein, ich will es nicht sterben lassen. Wenn sich die Politik beruhigt hat, bringen wir "Tristan" und "Parsifal" heraus, Opern, die in dieses Passionsspielhaus mit seiner wunderbaren Akustik gehören. Wagner war nach dem ersten "Ring" noch mehr verschuldet als wir. Das tröstet mich (lacht).</P><P><BR><BR> </P>

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