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Jürgen Habermas

Habermas zum 80. Geburtstag

Der Philosoph der Bundesrepublik

Heute vor 80 Jahren wurde Jürgen Habermas, dieser bedeutendste lebende Philosoph Deutschlands, Rheinländer und heute Starnberger Ehrenbürger, geboren.

Wer sich mit Werk und Wirkung von Habermas befasst, der kann beides nicht von dessen Geburtsjahr trennen. 1929, kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, in einer Epoche, die wir heute als Jahre einer scheiternden Republik und „Zwischenkriegszeit“ kennen. Ein historischer Gezeitenwechsel, der durch dieses Leben überbrückt wird: Die „Gnade der späten Geburt“ bewahrte Habermas vor dem Kriegseinsatz, aber seine ganze bewusste Kindheit war geprägt von der Erfahrung der NS-Diktatur. Kein Widerständler, sondern ein angepasster Opportunist sei der Vater gewesen, berichtete er später.

Die Erfahrung der Diktatur, des materiell wie moralisch zerstörten Deutschland, die Hoffnungen und Chancen der „Stunde Null“, die positiv erfahrene Verwestlichung Deutschlands, Jazzmusik, Hollywood-Filme, freie Presse und das allmähliche Entstehen eines aus eigenem Recht und Wollen demokratischen Deutschlands prägten diese Generation. Und aus ihr darf man Habermas’ Werk bis heute verstehen. „Ich selbst bin ein Produkt der ,reeducation‘ , und ich hoffe, kein allzu negatives. Ich möchte damit sagen, dass wir gelernt haben, dass der bürgerliche Verfassungsstaat in seiner französischen oder amerikanischen oder englischen Ausprägung eine historische Errungenschaft ist.“

Von den ersten Jahren der Bundesrepublik, als Habermas in Göttingen, Zürich und Bonn studierte, hat dieser Philosoph seine Gesellschaft begleitet, sich als ihr Zeitgenosse und wohlwollender Kritiker verstanden. Darum ist er auch schon in den 60er-Jahren über sein von Anfang an einflussreiches Werk hinaus eine öffentliche Person und einer der führenden Intellektuellen gewesen. Habermas’ Bereitschaft, öffentlich über Politik, Recht und Moral zu streiten, trennt ihn deutlich von seinen akademischen Lehrern, sei es Gadamer, seien es Adorno und Horkheimer aus der ersten Generation des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“, wo Habermas arbeitete und auch den kaum älteren Freund und Wegbegleiter Ralf Dahrendorf kennenlernte. „Da begannen sich philosophische und politische Dinge zum ersten Mal zu berühren“, schrieb er später.

Seitdem entstanden über 30 Bücher. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“; „Erkenntnis und Interesse“, „Die neue Unübersichtlichkeit“, „Die nachholende Revolution“. Sie alle markieren geistige und politisch-kulturelle Ereignisse in der bundesrepublikanischen Geschichte – oder sind sogar selbst welche. In seinem Werk ist Kommunikation der Zentralbegriff. Über alle Entwicklungen, Veränderungen, Brüche hinweg hat er an der Idee einer „universalen Verständigung“ festgehalten. Zumindest für sein eigenes Werk hat er sie erreicht. Heute kennt man Habermas in China und im Vatikan, schätzt es am Pariser Seine-Ufer, deren „postmoderne“ Meisterdenker er seinerzeit bekämpfte, ebenso wie auf dem Campus von Harvard. 2001 bekam er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Habermas’ Credo ist Modernisierung, er glaubt an Fortschritte und kritisiert den neuen Nationalismus ebenso wie linke Flirts mit dem Staatssozialismus. Zuletzt wurde die Dankbarkeit gegenüber US-Amerika für Demokratie, Freiheit und liberale Kultur getrübt durch den Verrat am Ideal der Menschenrechte. Weil er weiß, dass Kommunikation und Aufklärung ihrem Wesen nach nie abgeschlossen, im besten Sinne unendlich sind, wird er diesem Land erhalten bleiben – als Mahner, Warner, als unser bester Kritiker.

Rüdiger Suchsland

Stefan Müller-Doohm (Hg.): „Jürgen Habermas. Leben, Werk, Wirkung“. Suhrkamp, 157 S.; 7,90 Euro: eine gute, leicht lesbare Einführung.

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