Thielemann und die Philharmoniker mit Tschaikowskys "Pathétique"

Wie hält er’s mit dem Russen?

Eine Art Nachholaktion war das. Denn nachdem Christian Thielemann wegen knapper Probenzeit Tschaikowskys vierte Symphonie vom Odeonsplatz verbannt hatte, wurde nun im Gasteig mit der sechsten die Frage beantwortet: Wie hält’s der GMD eigentlich mit dem Russen?

Anders als gedacht: keine sentimentalen Aufwallungen, kaum melancholieverliebtes Melos, wenig also von dem, was dem Opus den Beinamen "Pathétique" einhandelte - und sich doch in vielen Aufführungen nur als (zwar wirkungsvolle) Äußerlichkeit entpuppt.

Überraschend schon der hohe Grundpuls, auch für die Münchner Philharmoniker, die zumindest am ersten Abend nicht immer auf Kante spielten. Wohin Thielemann steuerte, wurde bald deutlich: auf eine extrem formbare, sehr "sprechende" Phrasierung, die sich an ungesagten Worten und Sätzen zu orientieren schien.

Eine im besten Sinne opernhafte Deutung also: Musik ohne Worte - und doch in jeder Sekunde, jedem Takt Aussagen formulierend. Ergebnis war groß dimensionierte Kammermusik. Und die verweigerte sich logischerweise im Marsch dem knatternden Effekt, zerfloss auch im Finale nicht gefühlig. Eine Interpretation freilich auch, die (noch) Durchgangsstation bleibt. Nicht alles, was Thielemann forderte, gelang mit Selbstverständlichkeit oder hatte sich "gesetzt": kein Wunder bei einem Programmpensum, das auch noch Alfred Schnittke (1934-1998) umfasste.

Im Concerto grosso Nummer zwei, bei dem weniger das barocke Zitat, sondern die glühende Klagegeste entscheidend ist, legte Thielemann Seelenverwandtschaften zu Tschaikowsky frei. Ein Kaleidoskop: Trotz Riesenbesetzung blieb der Klang filigran, extrem durchhörbar, ließ Raum für die phänomenalen Solisten Gidon Kremer (Violine) und Marie-Elisabeth Hecker (Cello).

Die eröffneten keinen virtuosen Wettstreit, sondern boten mit noblem, hochflexiblem Ton einen so geistreichen wie intensiven Diskurs. Und das ernste Gegenstück zum Eröffnungswerk: Schnittkes "Moz-Art à la Haydn", im stockdunklen Raum startend und mit davonschlendernden Musikern wieder zerbröselnd, ist eine scherzhafte Annäherung an große Kollegen.

Eine wie entgleiste, "haltlose" Wiener Klassik mit holzigen Klängen bis zum Tanzbodensound. Philharmoniker und Thielemann hatten Spaß daran. Die Konsequenz? Natürlich Haydn- oder Barock-Projekte.

Markus Thiel

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