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Luftige Reise in den Münchner Himmel: Szene aus Karoline Grubers Inszenierung.

Premierenkritik

Lustreise ins Unglück

München - Die beste Gärtnerplatz-Produktion seit langem: Händels „Semele“ im Münchner Cuvilliéstheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

Ein doppeltes Ja, Ringtausch, Unterschrift, vielleicht noch schnell den Brautstrauß geworfen, das soll’s gewesen sein? „Ewige“ Bindung verheißt die Ehe-Moral und provoziert doch lästerliche Gedanken mit Blick auf den Partner: Womöglich gäb’s doch Besseres... Aus solchem Zweifel erwächst bei Georg Friedrich Händel gleich ein ganzes Oratorium. Seine verunsicherte Semele wählt aber nicht Geld und anderes Glück, sondern gleich den Gott.

Eine Studie über die Ehe, über Beziehungsalltag und -traum, über Selbstfindung und das Akzeptieren der eigenen Situation also. Karoline Grubers Inszenierung im Cuvilliéstheater startet deshalb gleich mit einer Massenhochzeit: vergängliches Glück im 19. Jahrhundert. Befrackte Männer und Bräute in bauschender Spitze, allgemeiner Chorjubel. Dass hier etwas nicht stimmt, erfährt man nicht nur aus dem Gesicht der Titelheldin.

Die Besetzung

Drigent: Marco Comin.

Regie: Karoline Gruber.

Bühne: Roy Spahn.

Kostüme: Magali Gerberon.

Chor: Jörn Hinnerk Andresen.

Choreographie: Beate Vollack.

Darsteller: Ferdinand von Bothmer (Jupiter), Holger Ohlmann (Cadmus), Franco Fagioli (Athamas), István Kovács (Somnus), Juan Carlos Falcón (Apollo), Adrineh Simonian (Juno), Elaine Ortiz Arandes (Iris), Jennifer O’Loughlin (Semele), Ann-Katrin Naidu (Ino).

Grubers Verbürgerlichung einer Sage ist mehr als gut abgehangene Regie-Idee: Vor rund 150 Jahren erfuhr das Institut Ehe ja eine Wandlung. Statt Vernunft und Versorgung spielte auf einmal Wichtigeres eine Rolle – Liebe und Emanzipation. Solche Hintersinnigkeiten gibt es viele an diesem Abend. Es ist nicht nur eine der besten Gärtnerplatz-Produktionen seit langem, sondern setzt sich auch von früheren Münchner Barock-Spektakeln ab.

Eine Gratwanderung ist das, was Karoline Gruber, Roy Spahn (Bühne) und Magali Gerberon (Kostüme) unternehmen. Die Psychologisierung der Figuren wird konterkariert mit einem eigentümlichen Bildertheater, skurril, surreal, poetisch, auch mit delikatem Humor. Ein Video über die (nackten) himmlischen Freuden könnte aus der Werkstatt der Monty Pythons stammen. Jupiters Luft-Reise mit Semele führt sie in den Münchner Himmel mit Wölkchen, Frauenkirche und Ballon-Gondeln samt Chor. Schmetterlinge suggerieren Schön- und Freiheit – und sind am Ende, als schwarze Silhouetten, Todesboten.

Sich ewig binden? Semele (Jennifer O’Loughlin, 2. v. li.) mit Vater Cadmus (Holger Ohlmann, li.), Fast-Gatte Athamas (Franco Fagioli) und Schwester Ino (Ann-Katrin Naidu).

Nie aufdringlich und überbordend ist das, vielmehr eine Maßanfertigung für die Musik und das Rokoko-Schmuckkästchen des Spielortes. Jupiters Reich, auch so eine Pointe, ist ganz wörtlich genommen nur die Kehrseite der Athamas- und Cadmus-Welt. Die wird begrenzt von einer steinernen Kassettenwand. Dreht sie sich zur Seite, wird die Spielwiese des Gottes offenbar, wo er zwischen wallenden Tüchern sein Rendezvous mit Semele hat und diese, aber das fruchtet kaum, mit Schuhen und Handtaschen bezirzt. Nicht unbedingt ein Gott könnte das sein, eher ein Außenseiter, ein reicher Gefallener, einer, der die bürgerliche Welt längst vor Semele verlassen hat.

Die Handlung

Jupiter liebt Prinzessin Semele von Theben, die Prinz Athamas heiraten soll. Semele ist über die göttliche Zuneigung glücklich, galt ihr Streben doch stets Höherem. Jupiters Frau Juno sinnt auf Rache und weckt in Semele den Wunsch nach Unsterblichkeit. Die bekäme sie, wenn sich Jupiter ihr in seiner wahren Gestalt zeigt. Dass dem Anblick kein Sterblicher gewachsen ist, verrät sie nicht. Semele verbrennt, aus der Beziehung mit Jupiter überlebt Sohn Bacchus.

Mit anderen Singdarstellern wäre das mutmaßlich noch intensiver geworden. Denn das ist das Paradox der Aufführung: Am stärksten ist nicht unbedingt das hohe Paar. Adrineh Simonian gibt als Juno das effektvolle Olymp-Biest, ohne vokal zu grimassieren. István Kovács, als Schlafgott Somnus ein Frankenstein mit den Scherenhänden und sonorem Prachtbass, haust in einem Kabinett der Gliedmaßen: Bausteine für kaum funktionierende Frauen-Homunkuli. Und der neue Counter-Star Franco Fagioli (Athamas) ist fest entschlossen, mit Ohrenschmeichler-Timbre und druckvollen Verzierungen seine einzig verbliebene Arie zum musikalischen Höhepunkt des Abends zu machen – mit Erfolg.

Ansonsten gibt es nur stilistische Näherungswerte. Jennifer O’Loughlin etwa bringt für Semeles Koloraturenstrecken die nötige Geläufigkeit mit, attackiert auch mit zwei, drei Stratosphärentönen. Doch könnte man sich die Partie viel exquisiter, mit mehr Sopransüße denken. Ferdinand von Bothmer ist längst im Verdi-Wagner-Fach unterwegs, was man ihm auch anhört. Er schlägt sich gut mit den Verzierungen, kann seinen Tenor jedoch fürs Zärteln des Göttervaters kaum beruhigen.

All das ist doppelt schade (und auch dem Besetzungsbüro anzulasten), weil im Graben ungewöhnlich Gutes passiert. Dirigent Marco Comin hat sein Orchester mit der Starkstromdose verstöpselt. Jede Phrase wird nie nur produziert, sondern mit allen Fasern gelebt. Reaktionsstark, immer auf dem Sprung, drängend auch in den ruhigeren Nummern, temperamentvoll in den großen Szenen, von denen sich der (ansonsten hervorragende) Chor ein-, zweimal überrumpeln lässt. Historische Spielpraxis schwingt da mit, ist aber sekundär: Entscheidend ist die Intensität. Mit Comin, das ist die Erkenntnis des Abends, müsste das Haus eine Barock-Reihe begründen.

Am Ende züngeln Video-Flammen auf Semeles Körper. Nach ihrem Tod erwacht die Hochzeitsgesellschaft wie nach einem Albtraum, vielleicht geläutert, vielleicht um Erkenntnisse reicher. Diese Paare könnten ihre Beziehung, so gibt Karoline Gruber zu bedenken, nun anders führen. Doch der lüsterne Blick von Athamas auf einen hübschen Boten bleibt vorerst nur Versprechen: So weit war man im 19. Jahrhundert dann doch noch nicht.

Weitere Aufführungen an diesem Samstag sowie 28., 30.10 und 1., 3., 5., 7.11.; Telefon 089/2185-1960.

MARKUS THIEL

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