Überwältigende Bühnenshow zu Büchners 200. Geburtstag: Szene mit Guntram Brattia und Genija Rykova. foto: matthias horn

Häppchen in Traumlandschaft

München - Calixto Bieito inszenierte fürs Münchner Residenztheater „Leonce und Lena – Dunkle Nacht der Seele“. Die Premierenkritik:

Hohe Professionalität bei dieser Premiere am Münchner Residenztheater. Der erste Preis gebührt dem Bühnenbild von Rebecca Ringst. Sie beantwortete den Appell, einen Raum für den todessüchtigen Georg Büchner zu schaffen, mit einer dunklen Traumlandschaft aus glänzender Plastikfolie, die sich, effektvoll beleuchtet von Tobias Löffler, zu schnell sich raumhoch auftürmenden Gebirgen oder zu Verstecken für die müden Büchner-Seelen falten lässt.

Dazu fünf gute Schauspieler (Guntram Brattia, Lukas Turtur und Katharina Pichler geht der Text besonders eindringlich vom Mund) und schließlich der mit allen theatralen Wassern gewaschene Regisseur Calixto Bieito. Er hat zusammen mit dem Dramaturgen Marc Rosich aus Texten von Georg Büchner und einiger anderer eine Collage zusammengestellt: „Leonce und Lena – Dunkle Nacht der Seele“, die sich ganz auf die suizidtrunkene Seite des Autors stürzt, dessen 200. Geburtstag damit die Ehre gegeben werden soll.

Ist das gelungen? Man sitzt zwar überwältigt vor der Bühnenshow, hat aber seine Mühe mit dem „Häppchen-Büchner“. Wenn Katharina Pichler oder Guntram Brattia ein paar Sätze des Autors, ganz versammelt und hoch künstlerisch, sprechen, möchte man, dass es so weitergeht, empfindet das parallel dazu laufende Spiel auf der Bühne als Minderung. Dabei führt Bieito seine fünf (noch die zarte Friederike Ott und Genija Rykova in Lenas Brautkleid) mit bestem Handwerk – alle bewegen sich in einer Art Traum-Balance. Die Schauspieler singen selber, von drei Musikern begleitet, die extra für diese Aufführung geschriebenen Songs der Spanierin Maika Makovski. Die schieben den Abend allerdings in Richtung luxuriöser Pop-Show. Das kann man mögen oder auch nicht. Die ambitionierte Aufführung hat einen anderen Blick in neuerer Form auf Büchner versucht. Tiefere Einblicke in seine Texte liefert sie nicht.

Beate Kayser

Weitere Vorstellungen

27. Juni sowie am 7., 16., 20. und 25. Juli;

Karten unter der Telefonnnumer 089/ 2185-1940.

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