Härtetest fürs Sitzfleisch

- Liederabende sind Labsal. Normalerweise. Dass sie auch Prüfstein für das Sitzfleisch werden können, bewies Thomas Hampson bei den Salzburger Festspielen. Gepackt vom musikwissenschaftlichen Ehrgeiz, stemmte er ein Projekt zu Ehren Antonin Dvorá´ks, des Liedkomponisten. Ihn und seine Zeit wollte er spiegeln, und so setzte er am ersten Abend Zeitgenossen wie Liszt, Mahler und Strauss in Bezug zum verehrten Meister. Nun, zum zweiten "Seminar"-Abend, versicherte sich der Bariton dreifacher Verstärkung und dehnte sein ehrgeiziges Unterfangen auf satte Opernlänge: vier volle Stunden mit zwei Pausen, deren letztere etliche Festspielgäste zur Flucht nutzten.

<P>Natürlich ist es sinnvoll, die im Verhältnis zu Dvorá´ks symphonischen oder kammermusikalischen Werken eher vernachlässigten Lieder zu präsentieren. Doch 13 harmlos-nette Frauen-Duettchen und mehr als ein halbes Dutzend Negro Spirituals und Indian Songs - der tschechische Tonsetzer lebte einige Jahre in der Neuen Welt - strapazierten dann doch die Geduld. Da mochten Barbara Bonney und Michelle Breedt ihre Stimmen in den Mährischen Duetten noch so fein verschränken und Hampson die Songs seiner Landsleute Farwell, Cadman, MacDowell und Ives noch so expressiv vortragen - weniger wäre mehr gewesen.</P><P>Ein kurzer Schwenk zu Grieg (den Dvorák schätzen lernte), und zu guter Letzt wurde noch die "Welt des Glaubens" - mit Brahms "Vier ernsten Gesängen" und Mahlers "Urlicht" - bemüht, um Dvorá´ks "Biblische Lieder" artgerecht aufzufangen. Immerhin gelang es Hampson mit seinem mächtigen Edelbariton und seiner Ausdrucksintensität die Psalmen zum späten Ereignis werden zu lassen. Während sein Basskollege Georg Zeppenfeld trotz voluminöser Tiefe sowohl in den Abendliedern, den Spirituals wie den Brahms-Gesängen allzu gradlinig, unpersönlich und somit langweilig wirkte, konzentrierte Michelle Breedt alle Aufmerksamkeit auf sich. Die junge Mezzosopranistin, ab 2006 Fricka im neuen Bayreuther "Ring", beeindruckte durch Farbe und Glanz ihrer Stimme, Modulationsfähigkeit und feine Phrasierungskunst. Barbara Bonney hingegen enttäuschte und konnte mit einigen süßen Tönen die unausgeglichene Tonbildung, mangelnde Linienführung und nachlässige Textprononcierung nicht wettmachen. </P><P>Zum eigentlichen Star des Abends avancierte Wolfram Rieger, der Begleiter am Klavier. Seine subtile, von delikatesten Nuancen und Schattierungen lebende Interpretationskunst offenbarte mehr über Dvoráks Kleinkompositionen als alle noch so wissenschaftlich bemühten Konfrontationen. Ihm hätte man die Lieder sogar ohne Sänger "abgekauft" und pur genossen.</P>

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