Die hässliche Idylle

- 1967 war das todschick und topmodern: diese quasi frei schwebenden Chromknubbel-Hocker, dazu rote Wände. Dan Graham hat Ödnis und Komik der schönen neuen Welt des "New Highway Restaurant" in einem Doppelfoto eingefangen. Das ästhetische Niemandsland einer US-amerikanischen Vorstadt rahmt der Künstler durch den Fensterausschnitt: Die Form eines traditionellen Landschaftsgemäldes wird zitiert - wehmütig, spöttisch? -, aber die Schönheit ist entschwunden und die Fassung nur noch das schäbig-aufgemotzte Innere eines Imbiss'. Darunter "belebt" eine ebenfalls hübsch hergerichtet Familie auf Sonntagsausflug die Szenerie.

<P>Allerdings wirken die drei, die dem Betrachter den Rücken zuwenden, genauso leblos wie das gesamte Arrangement, auch wenn die weißen Stöckelschuhe zu rotem Mantel und gelber Haarschleife, auch wenn das Sitzen wie auf der Hühnerstange Heiterkeit auslösen. Graham ist hier mit nur zwei Aufnahmen eine komplette Tragikomödie gelungen.</P><P>Ringen mit der Tradition</P><P>"Jede Fotografie ein Bild" nennt sich die Schau in den beiden Sälen für Wechselausstellungen, Temporär 1 und 2, der Münchner Pinakothek der Moderne. Mit diesem repräsentativen Überblick wird die Siemens-Fotosammlung vorgestellt, die ein Kernstück des Fotografie-Bestandes der Kunst-Abteilung ist. Seit 1990 trugen Thomas Weski (damals Siemens Arts Program, heute Haus der Kunst) und Ulrich Bischoff (damals Staatsgalerie, heute Direktor der Galerie Neue Meister Dresden) Foto-Kunst zusammen.</P><P>Schwerpunkte sind deutsche und amerikanische, dokumentarische und konzeptuelle Arbeiten sowie der Zeitraum der 80er- und 90er-Jahre. 860 Werke von 60 Künstlern wurden bis 2000 auf diese Weise erworben: Die Kunst-Chefin der PDM, Carla Schulz-Hoffmann, spricht von einem "Quantensprung". Der ermöglicht es der Kuratorin Inka Graeve Ingelmann, die Fotosammlung der PDM so hochkarätig wie gezielt auszubauen.</P><P>350 Bilder dieser stattlichen Kollektion sind nun zu sehen, darunter solche von Klassikern wie dem Ehepaar Becher oder William Eggleston oder von heute hochgehandelten Künstlern wie Thomas Struth oder Andreas Gursky. Deutlich wird in der Exposition, die ziemlich ungünstig auf die zwei auseinander liegenden Hallen verteilt ist, dass die Künstler das Verhältnis von Idylle und Trostlosigkeit ausloten. Wie unter einem Zwang wenden sich fast alle - wie der oben erwähnte Graham auch - ab von der uns geläufigen Schönheit, vom so genannten Malerischen, sei es in Landschaft, Stadtbild, sei es in Stillleben oder Porträt. Was das Gemälde einst interessierte, darf nur ja nicht auftauchen - und erscheint doch umso intensiver als Negativform. Die Fotokünstler ringen mit der kunstgeschichtlichen Tradition. Das ist das spannendste Ergebnis dieser Ausstellung. Denn in diesem Konflikt bildet sich der Weg der zeitgenössischen Fotografie heraus. </P><P>Und so formt Gursky aus der Hässlichkeit eines Wohnsilos und einem Masten-/Netz-Verhau doch wieder ein ästhetisch ansprechendes Werk, überhöht die Lieblosigkeit unseres Bauens durch künstlerisches Können, ohne die Brutalität dadurch zu verharmlosen. Noch offensiver geht Louise Lawler mit den alten Klassikern der bildenden Kunst um. "Woman with Picasso, 1912, 1986" zeigt viermal die gleiche Aufnahme, eine Frau, die eine kleine Plastik des Spaniers in der Hand hält. Das alles auf mauvefarbenem Hintergrund plus großer Beschriftung. Da verwirbeln sich Skulptur und Fotografie zur Installation, die beides ist und doch keines von beiden ganz. Eine andere verwandtschaftliche Bindung, und zwar die zum Film, greift Rineke Dijkstra auf. Als Videokünstlerin trennt sie aus dem Bildfluss ein Foto heraus, lässt es stehen als Stellvertreter für eine Geschichte: wie das einsame Mädchen mit den verkrampften Fäusten.</P>Bis 7. März 2004, Tel. 089/ 23 80 51 95; Bestandskatalog aller Sammlungswerke, DuMont Verlag: 34,90 Euro.

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