Der hässliche Zwerg

- Was ist Europa? Existiert diese Utopie wirklich und wenn ja, welcher Stellenwert wird darin den einzelnen Volks-Identitäten zuerkannt? Und wo bleibt angesichts eines von der Globalisierung gebeutelten Europas das Individuum auf seiner Suche nach Zugehörigkeit? Dieser aktuelle Diskurs sowie das 30-jährige Bestehen des Europäischen Patentamts (EPA) 2007 sind Anlass für ein auf zwei Jahre angelegtes Ausstellungsprojekt, dessen Herzstück eine zweiteilige Schau mit Werken zeitgenössischer Kunst aus den 31 Mitgliedsstaaten des EPA ist.

Kriegsgerät wird zum Modeaccessoire

Unter dem Titel "Check in Europe - Reflecting Identities in Contemporary Art" stellen im ersten Abschnitt 47 junge Künstler aus 19 Ländern das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und mit verschiedenen künstlerischen Medien, von der Malerei bis zu Video-Arbeiten, zur Diskussion. Darunter der mit dem Turner-Preis ausgezeichnete Fotograf Richard Billingham mit Landschaftsaufnahmen seines Heimatorts Cradley Heath, die in ihrer Schnappschuss-Ästhetik den Betrachter auffordern, mehr über die heruntergekommenen Gegenden wissen zu wollen, während sie gleichzeitig Fragen stellen nach der heutigen großstädtischen Lebensweise. Oder der Italiener Antonio Riello, der mit seinen boshaft-ironischen "Ceramis Guns", zu Luxusobjekten stilisierten Kriegswaffen, den Beschauer provoziert. Gemeinsam ist ihnen der Versuch, Identität und Nationalismus zu hinterfragen.

Dabei spiegelt die Ausstellung die Vielschichtigkeit des Identitätsbegriffes. Nicht nur Europa und die einzelnen Staaten sind auf der Suche, auch der Mensch erscheint orientierungslos. Etwa in den Bildern und Skulpturen von Enrique Marty, dem "Enfant terrible" und gefeierten Künstler Spaniens. Lautstark, oft hart an der Grenze des Erträglichen, stellt er in "Me" sich selbst in Frage. Mit einer Installation eines hässlichen Zwerges, die ihn selbst darstellen soll und den Besucher schon am Eingang durch ihre Deformierung erschreckt. Mit Werken wie "Diagramme" der rumänischen Künstlerin Lia Perjovschi, gezeichnete Verhör-Protokolle, die wie das sinnlose Gekritzel von Kindern auf dem Papier kreisen, versuchen insbesondere Künstler aus Osteuropa, Erfahrungen aus der Zeit des Kalten Krieges zu erhalten. Erinnerung steht im Mittelpunkt ihrer Präsentationen.

Politisches mischt sich mit Privatem. Künstlerische Perfektion mit intelligenter Kuriosität. Und so steht das "Wettertagebuch" des Finnen Jari Silomäki in seiner mystischen, die Landschaft verklärenden Fototechnik neben den kunterbunt aufgereihten Topflappen der Finnin Anu Tuominen - alles Flohmarktfunde, der Wegwerfgesellschaft entrissen. Doch so unterschiedlich die Techniken, Materialien und Codes der Werke auch sind, alle umkreisen sie die Frage: Was formt Identität angesichts des fortdauerndes Chaos der Gegenwart?

Die Ausstellung ist in drei Sektionen gegliedert und noch bis 13. Juli tägl. von 10 bis 17 Uhr in zwei Häusern des EPA, in der Bayerstraße 115 und der Erhardtstraße 27, zu sehen.

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