Wer hätte anderes erwartet

- Zeit wurde es, dass die Musik spricht. Dass Plakat-Plattitüden um Komponisten, die sich freuen oder gespannt sind, oder Dirigenten, die sich zurückfreuen, dass dieses hysterische Warten aufs Christ(ian)kind mit dem einzig Möglichen beantwortet wird: mit einer Respekt einflößenden Aufführung.

<P>Dabei war es ja nicht der erste Bruckner, den Christian Thielemann am Pult der Münchner Philharmoniker dirigierte. Vor einigen Monaten noch begnügte er sich mit der dankbareren, hymnischen Siebten, während Kollege Kent Nagano am selben Ort und in zeitlicher Nähe die Fünfte sezierte. Die sperrigste, zerfurchteste und komplizierteste der Bruckner-Symphonien also. Ein Werk, das sich dreieinhalb Sätze als Labor geriert, in dem Motive und Gedanken destilliert, variiert und kombiniert werden, bevor sie endlich im Fugen-Finale zusammengeführt, im musikalischen Triumph gleichsam "erlöst" werden. Oder sollte dies alles nur eine Mär sein?</P><P>Denn wenn etwas Thielemanns Antrittskonzert als Generalmusikdirektor zum Ereignis adelte, dann dies: So logisch und organisch, so natürlich entwickelt und feinsinnig ausgehört, so selbstverständlich und dabei nie verharmlost begegnet die Fünfte einem fast nie. Atemloses Lauschen in der Philharmonie, am Ende enormer Jubel von Otto-Normalhörer und geballter Promi-Fraktion (Dieter Dorn, Peter Jonas, Zubin Mehta, Sunnyi Melles, Wolfgang Wagner . . .), dazu Blumen von Kulturreferentin Lydia Hartl - das Publikum im Thielemann-Rausch.</P><P>Und in den Taumel mischte sich die Hoffnung: Ist das, nach der verkorksten Liaison mit James Levine, der Weg zurück zu alten deutschromantischen Tugenden? Die dem Orchester doch so gut stehen? Die Vorstellungen von Thielemann, diesem Nuancenkitzler, kommen den Philharmonikern jedenfalls entgegen. Sicher kann man die Fünfte schroffer, widerborstiger spielen. Gleichwohl faszinierte schon, welch klangliche Substanz jede Phrase bekam, wie selbst die hier so häufigen Pizzikati nachzuhallen schienen, sich zu kantablen Linien formierten, wie jede Episode auf Vergangenes reagierte oder Kommendes ahnte.</P><P>Weicher, leicht manövrierbarer Klang</P><P>Und erstaunlich, wie der neue Chef mit der (dürftigen) Akustik zurechtkam: Bläser und Streicher waren ideal ausbalanciert, Mittelstimmen wurden emanzipiert, dichtmaschige Strukturen, vor allem in der Doppelfuge des Schlusses, aufgedröselt. Selbst in den Eruptionen überreizte das Orchester nie den Klang, den stets eine weiche, leicht manövrierbare Qualität auszeichnete. Dabei las Thielemann - der auswendig (!) und ganz unaufgeregt dirigierte, oft nur mit kleinen Zeichen auskam - die Symphonie vom Ende her, vermied im Kopfsatz zu Monumentales, wagte dafür fast tänzerische Momente, um, nach einem breit ausmusizierten Adagio und dem Tanzbären-Scherzo, auf ein Finale von geradezu enervierender Texttreue und großem dramatischen Nachdruck zuzusteuern.</P><P>Sicher, die Nervosität war dem Orchester am ersten Abend anzumerken. Unebenheiten gab es, auch Zaghaftes oder Wackler. Und hörbar wurde überdies, woran Thielemann arbeiten dürfte: an der Wiederherstellung des einstmals so seidig-ebenmäßigen Philharmoniker-Sounds. Doch der heftig ans Herz Gedrückte hat sich ja für mindestens sieben Jahre verpflichtet. Ein Entrée also wie ein ganz großes Versprechen. Aber, mal im Ernst - wer hätte anderes erwartet?<BR></P>

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