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Hans-Jürgen Buchner tut gern mal gar nichts. So hält er es auch an seinem Geburtstag und taucht ab.

Freigeist

Haindling kommt in die Jahre: Hans-Jürgen Buchner 70

Haindling - Der bayerische Weltmusiker Hans-Jürgen Buchner alias Haindling feiert an diesem Samstag seinen 70. Geburtstag.

70 wird er nun tatsächlich an diesem Samstag, und das ist schwer zu glauben, denn zum einen sieht Hans-Jürgen Buchner immer gleich aus. Und zum anderen fällt einem beim Blick ins Archiv auf, dass seine erste Platte vor 32 Jahren veröffentlicht wurde. Ein ziemlicher Spätzünder, könnte man denken, aber das würde Buchner, der seit jeher mit dem Bandnamen Haindling angesprochen wird, nicht gerecht werden. Er hat halt immer nur das gemacht, wonach ihm war, und das war mitunter eben auch Nichtstun.

Buchner ist als Teenager, nun ja, ein Problemfall. Er wechselt die Internate, bis keines mehr mit dem aufsässigen Burschen zu tun haben will. Buchner beendet schließlich seine Schulkarriere kurz vor dem Abitur, lernt Töpfern und siedelt sich im niederbayerischen Dörfchen Haindling bei Straubing an. Er hat sein Auskommen und besonders wichtig: Er lebt zu seinen Bedingungen. Nebenbei macht er ein bisschen Musik, und weil er die irgendwann auch mal beim Töpfern hören will, nimmt er mit einem simplen Vierspur-Tonbandgerät ein paar eigene Nummern auf. 1980 ist das; zwei Jahre später wird durch Vermittlung eines befreundeten Musikers eine Plattenfirma auf Buchner aufmerksam. Es ist die Hoch-Zeit der „Neuen Deutschen Welle“, alles, was deutschsprachig ist, geht weg wie warme Semmeln. Der Neuling bekommt einen Plattenvertrag.

Ein kolossales Missverständnis, aber die verqueren Miniaturen, die so völlig anders klingen als alles, was man zuvor gehört hatte, und die durch lakonischen Sprachwitz auffallen, kommen an. Er soll auf Tournee gehen, und schon hat er ein Problem. Der Künstler hatte alle Instrumente selbst eingespielt – das hält er bis heute so – und steht ohne Band da. Er gibt eine Annonce auf: „Multiinstrumentalisten gesucht.“ Mit den Leuten, die sich damals melden, musiziert er immer noch.

Mit der Single „Lang scho nimmer g’sehn“ gelingt Buchner 1984 ein Radiohit. Einmal mehr gibt es ein Missverständnis: Er gilt als drolliger Lieferant bajuwarischer Unterhaltungsmusik, nur weil er Instrumente verwendet, die man landläufig sofort mit bayerischer Volksmusik verbindet, und Bairisch singt. Dabei ist Haindling nichts fremder als weiß-blaues Bierdimpfltum. Er ist ein Bayer, freilich und genau deswegen auch Anarchist, der sich vor keinen Karren spannen lässt. Wer bei „Bayern und des bayerische Bier, Bayern, jawoi, des samma mir!“ mitgrölt und die Ironie nicht versteht, dem ist nicht zu helfen. Viele bräsige Vorurteile innerhalb und außerhalb Bayerns hat Freigeist Buchner im Laufe der Jahre sanft, aber hartnäckig zerlegt. Nicht durch Diskussionen, sondern durch den lang anhaltenden Erfolg. Er macht halt Haindling-Musik, und dazu passt manchmal eine Posaune, manchmal aber auch ein koreanischer Gong, eine katalanische Flöte oder eine afrikanische Vasen-Trommel. Mal klingt es sehr poppig, mal eher nach Jazz und dann wieder nach etwas, was nur Buchner einfallen kann.

Nichts wäre falscher, als in ihm den Erretter volkstümlicher Musik zu sehen. Im Gegenteil, der zwanghafte Instrumenten-Sammler durchforstet mit Leidenschaft andere Kulturen, saugt alles in sich auf und formt das zu diesem einzigartigen Klang, der ihn unverwechselbar macht, vielleicht weil man so viel davon wiedererkennt, ohne es sofort einordnen zu können.

Früh wird er von heimischen Filmemachern entdeckt, für die er einige der der schönsten Titelmelodien („Zur Freiheit“ mit Ruth Drexel) komponiert, die man bei Film und Fernsehen in Bayern gehört hat. Ein imposantes Œuvre ist dabei angewachsen, und das Ironische dabei ist: Buchner ist gar kein „Workaholic“. Er beschäftige sich gerne mit Nichtstun, versichert er. „Das heißt für mich, morgens nichts vorzuhaben“. Er lässt sich nie unter Druck setzen. Er werkelt einfach so lange an seinen Stücken herum – meistens nachts –, bis er ein Album zusammengestellt hat. Dann geht er auf Tournee. Das war’s. Keine aufgeregten Marketing-Kampagnen, kein großes Gewese, das liegt ihm eh nicht. Er will gar nicht bekannter werden, beteuert er, weil: „Da hab ich nur mehr Arbeit.“

Und Buchner, wir erinnern uns, tut gern mal nichts. Vor allem an seinem Geburtstag. Er wird untertauchen, das hat er angekündigt. „Nicht, dass am Ende noch der Bürgermeister und der Landrat vorbeikommen.“ Und überhaupt, er empfinde sich noch als 28-Jährigen. Wobei: „Langsam fühle ich die 30 näherkommen.“ Es ist sehr schön, dass es Hans-Jürgen Buchner gibt.

Zoran Gojic

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