Halbgares in Rosa

- War doch gar nicht so schlimm wie neulich "Rigoletto" im Nationaltheater, oder? Im Grunde besser als von Doris Dörrie erwartet. Gut, der Stoßseufzer mag's treffen. Doch funktioniert er wirklich als Kriterium für eine gute Aufführung? Denn auch Giacomo Puccinis "Madame Butterfly" am Münchner Gärtnerplatz, der vierte Opernstreich der Filmfrau, demonstriert ungewollt: Echte, hinterfragende und handwerklich versierte Musiktheater-Regisseure, die liefern anderes ab.

<P>Sich selbst samt ihrer Asiaphilie blieb Doris Dörrie treu, die mit Ausstatter Bernd Lepel die Ästhetik der gemeinsamen Berliner "Turandot" für den Gärtnerplatz aufwärmte. Wir sehen also: eine von Spiel- und Plüschtinnef umgebene Kindfrau, ein Bärchen, eine Einzimmer-Zelle, dabei alles gern in penetrantes Rosa getaucht. Besonderes Interesse gilt diesmal dem "Enjo-Kosai", jener japanischen Sonderform der Prostitution, bei der Mädchen ins Bett von Business-Männern steigen, um Rechnungen für Handys oder hyperschrille Mode der "Fruits"-Bewegung bezahlen zu können.</P><P>Wie das Duo Dörrie/ Lepel diese aufs Heftigste herausgeputzten Teenies inklusive Foto-Handy und Fast-Food-Sushi aufmarschieren lässt, entfaltet durchaus szenischen Reiz, kann aber über eines nicht hinwegtäuschen: Doris Dörrie nähert sich ihren jeweiligen Opern lediglich über einen Ausstattungseinfall, befasst sich mit der Auspinselung eines Genre-Bildes, kaum mit Motivationen und Charaktertiefen und mit der Frage, ob die flotten Klamotten denn wirklich zum Personal passen.</P><P>Butterfly, obgleich lyrischer gelaunt, ist Teil dieser modernen "Fruits"-Mädchen. Womit Doris Dörrie die Wucht von Puccinis Oper, Butterflys folgenschweren Verzicht auf Familie und Religion, also die Aufgabe ihres bisherigen Lebens zu Gunsten eines bedingungslos geliebten Besatzungssoldaten, jenen Bruch, der eigentlich nur in einer rückschrittlichen Gesellschaft deutlich werden kann, womit sie all das reduziert auf eine laue Kulturverliebtheit. Denn Liebe kann's ja nicht gewesen sein, so verdruckst und beziehungslos singen Geisha und GI hier aneinander vorbei - mag auch Puccinis betörende Musik anderes behaupten. Butterfly hüllt sich also in die US-Fahne, kleidet den Sohnemann in Tarnkluft und lässt, eine dementsprechend schwache Idee, zum Glaubensverzicht den Mini-Buddha aus dem ersten Stock plumpsen.</P><P>Phonstarkes von Dirigent David Stahl</P><P>Spätestens im zweiten Akt, wenn man sich an der bunten Oberflächlichkeit, auch an den meist ablenkenden Häuser-Projektionen sattgeschaut hat, sackt die Japan-Idee in sich zusammen. Langeweile und Hilflosigkeit sind die Folge, am schlimmsten in Butterflys "Schmetterlings"-Choreographie zur Verwandlungsmusik, offenbar ein Ergebnis aus dem Grundkurs Ausdruckstanz.</P><P>Dirigent David Stahl beantwortet die rosarote Ödnis mit einer glühenden bis robusten Deutung. Puccini mag ihm besser liegen als Mozärtelndes, doch sind die von ihm entfachten Phonstärken eine Belastung für Theaterakustik und Sänger. Dabei stand mit Sandra Moon eine Solistin zur Verfügung, die für die Butterfly, ein vokaler Zwitter zwischen lyrischer Verhaltenheit und raumgreifendem Aplomb, die passende Stimme mitbringt. Tragfähig ist Sandra Moons Sopran, leicht ansprechend und mit beachtlichem dramatischem Potenzial gesegnet, ohne gleich ins Heroinenhafte zu driften.</P><P>Derlei Auftrumpfen steht nun wiederum Harry van der Plas weniger zur Verfügung, der mit lyrischem Tenor bei Puccini hörbar fremdgeht, wofür er wackere Emphase und gelegentliche Schluchzer als Entschädigung bieten möchte. Gary Martin kleidete den Sharpless in Bariton-Gemessenheit, blieb eine Spur zu blass. Starke Eindrücke hinterließen hingegen Barbara Schmidt-Gaden (Suzuki) und Florian Simson, dem als Goro die interessanteste Charakterzeichnung gelang. Vor allem aber: Von ihm war jedes Wort zu verstehen, die übrigen Solisten führten das Gärtnerplatz-Dogma der deutschen Übersetzung meist ad absurdum.</P><P>Minimale Buhs und großer Jubel der Dörrie-Fans suggerierten einen Premierenerfolg. Doch zu denken gab einem diese halbgare "Butterfly" nicht viel. Allerhöchstens den Verantwortlichen in Salzburg: Ob die möglicherweise aus Doris Dörries 2006er-Vertrag für Mozarts "La finta gardiniera" herauskommen könnten?</P>

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