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Vor 50 Jahren trat eine junge britische Band zum ersten Mal als „The Beatles“ auf – in einem Hamburger Nachtclub.

Die Halbstarken von St. Pauli

Hamburg - Vor 50 Jahren trat eine junge britische Band zum ersten Mal als „The Beatles“ auf – in einem Hamburger Nachtclub.

Hätte man John Lennons Lieblingskommilitonen Geoff Mohammed 1959 nicht von der Kunstakademie geworfen, hätte es die „Beatles“ vermutlich nie gegeben. Lennon und Mohammed feiern diesen zweifelhaften Erfolg in der Bar „Jacandra“, irgendwo in Liverpool. Deren Besitzer Allan Williams vermittelt nebenher Rockbands, er kommt mit Lennon ins Gespräch – und macht ihm kurze Zeit später ein Angebot, das Lennon wie ein Geschenk des Himmels erscheinen muss: ein Engagement in Hamburg. Es ist Lennons letzte Gelegenheit, Profimusiker zu werden. Seine Band, die „Quarrymen“, ist gerade in Auflösung begriffen. Bandkollege Paul McCartney hat einen Job angenommen, weil er nicht mehr an den Durchbruch glaubt. Bassist Stuart Sutcliffe interessiert sich ohnehin mehr für Kunstmalerei.

Einzig George Harrison ist Feuer und Flamme, aber den Benjamin nimmt Lennon damals nicht richtig ernst. Mit Hamburg haben sie nun aber eine echte Perspektive. Lennon heuert mit Pete Best noch einen Schlagzeuger an und überzeugt die Eltern der anderen, die Jungs mit ihm ziehen zu lassen. Schließlich sind sie noch Teenager, Harrison ist nicht einmal volljährig, und für alle ist es die erste Auslandsreise. Lennon freilich hat ein triumphales Argument: 100 Pfund pro Nacht würden sie verdienen, seinerzeit verdammt viel Geld für ein paar Habenichtse – und eine dreiste Lüge. In Wahrheit sind es 150 D-Mark, umgerechnet nicht einmal zehn Pfund. Für den ersten Profivertrag einigt man sich noch schnell auf einen endgültigen Bandnamen und tritt genau heute vor 50 Jahren, am 17. August 1960, erstmals auf als: „The Beatles“.

Es ist eine harte Schule, in jeder Hinsicht. Die Beatles müssen sechs, manchmal acht Stunden durchspielen. Sie haben weder das Repertoire noch das Können dafür. Aber sie lernen es. „Unseren Durchbruch als Musiker hatten wir in Hamburg, daran besteht kein Zweifel“, stellt McCartney später klar. Sie spielen laut und wild, um gegen den Lärm und die eigene Angst anzukommen. Denn sie treten im „Indra“ auf, einer eher zwielichtigen Kaschemme mitten in St. Pauli. Damals ist das noch keine Neppkulisse für Touristen, sondern ein hartes Pflaster, auf dem sich Halbweltler, betrunkene Matrosen und Prostituierte tummeln – das Publikum der Band. Wenn es Ärger gibt, und den gibt es oft, ziehen die Kellner ihre Totschläger aus den Hosentaschen – und „dann ging es dahin“, wie sich Harrison später erinnert.

Lennon, wild entschlossen, die Chance zu nutzen, wirft sich voller Inbrunst in die langen Nächte, taucht mal mit einer Klobrille um den Hals auf oder nur in langen Unterhosen und schreit sich die Seele aus dem Leib. Die schweren Jungs und leichten Mädchen beginnen, diese Burschen zu mögen, die Beatles dürfen in den renommierten „Kaiserkeller“ umziehen. Dort treffen sie deutsche Studenten, die völlig gebannt von diesem „Kraftwerk“ (Pete Best) auf der Bühne sind. Man freundet sich an, und das hat, ohne zu übertreiben, weltgeschichtliche Folgen. Die Deutschen wecken bei den Halbstarken aus Liverpool das Interesse an Kultur und inspirieren sie zum berühmtesten Haarschnitt des 20. Jahrhunderts: dem Pilzkopf. Als Erstes probiert ihn Sutcliffe aus, der sich bald gegen die Beatles und für seine deutsche Verlobte entscheidet. 1962 stirbt er völlig überraschend.

Pete Best übrigens, der andere Beatle, der den Welterfolg verpasst, weigerte sich standhaft, sich die Haare ins Gesicht zu kämmen. Als die Beatles Ende 1960 wieder zuhause auftraten, in der Litherland Town Hall, lösen sie erstmals Hysterie aus. Ein lokaler Journalist schreibt so überdreht wie prophetisch: „Ein Phänomen. Ich glaube nicht, dass sich so etwas wie sie jemals wieder ereignen wird.“ Er wird Recht behalten. Einmal ganz abgesehen von den 1,3 Milliarden verkauften Tonträgern, den Chart-Rekorden, dem nicht zu überschätzenden Einfluss auf die Popkultur: die Beatles sind ein zeitloser Mythos geworden, der nicht mehr nur für die Musik und die Umbrüche der 60er Jahre steht, sondern generell für die Sehnsucht nach einer besseren Zeit, obwohl es die Band seit 1970 nicht mehr gibt. Mit ihren Liedern allerdings haben die Beatles, immer noch die erstaunlichste Popband aller Zeiten, den unverwüstlichen Soundtrack zu dieser Sehnsucht hinterlassen. Merkwürdig, dass all dies in einem billigen Rotlicht-Etablissement in Deutschland seinen Anfang genommen hat.

Von Zoran Gojic

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