Halbwelt-Majestät

- Nein, sie mag es gar nicht hören, dies ewige "wie die Callas". Und doch singt sie in jener Sonderklasse, die la Divina in unserem Denken immer noch allein beherrscht. Sie singt nicht wie die Callas, aber sie agiert auf gleichem Niveau - Anna Netrebko. Nach ihrem Arienabend mit Ramon Vargas stand sie erneut auf der Bühne des Münchner Nationaltheaters als Verdis "La traviata" und bestätigte nach ihrem Überraschungsangriff als Donna Anna bei den letztjährigen Salzburger Festspielen, dass ihr Auftritt ein Ereignis ist: Vom ersten koketten Girren der Kurtisane bis zum letzten anrührenden Liebesgeständnis der Sterbenden.

<P>Das Faszinosum der Russin ist eine seltene Mischung aus höchster Perfektion, Schönheit des Gesangs wie der Gestalt und hoher Ausdrucksintensität. Ideale Voraussetzungen für eine Violetta, der sie zu Beginn in Ton und Geste eine flirrende Leichtfertigkeit gibt. Da glitzerte ihr Sopran und versprühte kalt funkelnde Koloraturen wie ein Wunderkerzen-Feuerwerk, wie die Diamanten an ihrem Ohr, wie ein ferner Stern. Ein Star eben. In ihrer großen Szene triumphierte sie als verführerische Kokotte mit makellosen Spitzentönen, die ein fast mezzo-getöntes Fundament krönen, die mühelos Raum greifen. Die Spannung reißt nie, Phrasierung und Dynamik verraten Stil und Geschmack. </P><P>Auch dann, im zweiten und dritten Akt, wenn die Netrebko ihre Traviata als Liebende, als Entsagende, als Leidende charakterisiert. Dumas' Kameliendame läutert sie nicht zum reinen, süßen Engel - sie bewahrt der Halbweltkönigin ihre ganz eigene Majestät. Bis in den Tod. In Günter Krämers alter Inszenierung ist dieser gern verschluchzte Operntod kein Zusammensinken in die Kissen, sondern ein Gang ins gleißende Licht - der unsentimentalen Netrebko adäquat.</P><P>Neben dieser jungen Diva hatte es der offenbar ebenso junge Alfredo schwer. Doch dem smarten Mexikaner Rolando Villanoz gelang es - nach rhythmisch verschaukeltem Trinklied -, zunehmend Tritt zu fassen, Schluchzer zu reduzieren und trotz arg gedecktem Timbre seine Spitzentöne sicher zu platzieren. Paolo Gavanelli besann sich all seiner lyrischen Tugenden und begeisterte mit fein phrasierten Pianotönen. Für die schuf Fabio Luisi am Pult die idealen Voraussetzungen. Während er in den leicht verschlampten Chorszenen handfest zulangte, zelebrierte er die zart schwebenden Momente der Solisten hochsensibel bis hin zu Violettas letzter fiebriger Glücksvision. Jubel über Jubel. Aber wo blieben die Blumen?</P>

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