Halbzeit in Berlin: Bis jetzt überwiegt das Mittelmaß

Berlin - Was findet da nicht gerade alles statt in Berlin! Abseits der arrivierten Programmschienen Wettbewerb, Panorama, Forum, Perspektive Deutsches Kino und den beiden Kinderfilmreihen gibt es inzwischen eine Vielzahl origineller bis skurriler Veranstaltungen unter dem Logo der Berliner Filmfestspiele.

"Cinema for Peace" ist noch die Ehrenwerteste, der "Talent Campus" die Verdienstvollste, aber die Sektion "Kulinarisches Kino" etwa erscheint anlässlich eines seriösen Festivals überflüssig.

Dazu kommen jede Menge als Berlinale-Specials bezeichnete Sondervorführungen abseits der eingeführten Reihen, die zusätzlich für Konfusion sorgen und das Programm ins Unübersichtliche zerfleddern. Da kann es leicht passieren, dass die wirklichen Entdeckungen beinahe ausnahmslos abseits des Wettbewerbs zu finden sind.

In der wichtigsten Sektion der Berlinale überwiegt, wie bereits in den vergangenen zwei Jahren, das Mittelmaß. Produktionen wie "In Love We Trust" des Chinesen Wang Xiao Shuai mögen im Heimatland des Regisseurs der Thematik Patchworkfamilie wegen noch eine gesellschaftskritische Relevanz besitzen. Für einen Europäer erschließt sich die Dramatik nicht mehr. Kombiniert mit der betulichen Inszenierung und dem mit einer unechten Gefühligkeit umgesetzten Sujet des an Leukämie erkrankten Kindes kommt eine uninspirierte, halbgare Familientragödie heraus, die besser ins Privatfernsehen als ins Wettbewerbsprogramm der Berlinale gepasst hätte.

Ähnlich verhält es sich mit weiteren Beiträgen: beispielsweise dem gewollt coolen und eigentlich nur überkonstruiert-aufgeblasenen Frauendrama "Black Ice" von Petri Kotwica. Die Biografie einer anfangs aalglatten Frauenärztin aus Helsinki gerät immer heftiger ins Trudeln - das hat man schon tausendmal fantasievoller umgesetzt gesehen. Als besonders nervtötend erwies sich auch "Julia" von Erick Zonca. Selbst die ansonsten stets verlässlich großartige Tilda Swinton kann gegen die geballte Klischee-Übermacht nichts ausrichten, die Zonca in diese von vorn bis hinten unglaubwürdige Geschichte einer hysterischen Alkoholikerin und Kindesentführerin gepackt hat.

Kindern geht es ohnehin oft an den Kragen in den Beiträgen des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs: In "Gardens Of The Night" von Damian Harris zum Beispiel, neben Paul Andersons "There Will Be Blood" und dem unerhört lebensnahen, frischen "Happy-Go-Lucky" von Mike Leigh bisher der dritte wirklich berechtigte Kandidat für den Goldenen Bären 2008. Harris lässt gleich zwei siebenjährige Kinder entführen. Jahrelang werden sie physisch und psychisch vergewaltigt. Es ist schwer, diese großartig gefilmten Szenen durchzustehen. Denn die perfide Grausamkeit der Kidnapper findet fast ausschließlich im Kopf des Betrachters statt. Man sieht nichts. Hört aber viel. Das reicht. "Gardens Of The Night" beweist auf unspektakuläre Weise, wie eindringlich gute Darsteller, ein exzellentes Drehbuch und ein innovativer Kameramann sein können.

Ganz im Gegensatz zu dem schwülstig inszenierten "Elegy". Die Regiearbeit von Isabel Coixet, deren Debüt "Mein Leben ohne mich" so schlicht und gleichzeitig so Herz zerreißend war, ist eine der größten Enttäuschungen dieser Berlinale. "Das sterbende Tier", ein Roman von Philip Roth, lieferte die literarische Vorlage, und eine Frau wagt sich an das komplexe Sujet "Altes Herz wird nochmals jung", um dem Problemkreis des postmittelalterlichen Mannes in der Minne geistreiche Dialoge abzuringen. Resultat ist eine auf Hochglanz polierte Altherrenfantasie, wie sie Bertolucci nicht schmieriger hätte umsetzen können. Ben Kingsley verlegt sich auf den durchgängigen Gesichtsausdruck "Stechender Blick". Das soll dann wahlweise Begehren, Leidenschaft oder Verzweiflung sein. Schwamm drüber. Es sind ja noch vier Tage bis zur Preisverleihung in diesem verflixten siebten Jahr von Festivalleiter Dieter Kosslick.

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