Halligalli statt Klassik

- Keine Berliner oder Wiener Philharmoniker mehr. Kein Simon Rattle, Nikolaus Harnoncourt, keine Anne-Sophie Mutter: Auf absehbare Zeit werden in der Münchner Philharmonie kaum mehr Klassik-Konzerte stattfinden. Was übrig bleibt, sind Abende der Münchner Philharmoniker oder der BR-Orchester, während private Veranstalter den Ort meiden. Ein übertriebenes Szenario? Nein: ein realistisches - meint jedenfalls manch Münchner Konzertanbieter.

<P>Kartenpreise bis zu 160 Euro</P><P>Die Klassikbranche steckt in der Krise. CD-Firmen bekommen das seit Jahren zu spüren, ebenso private Veranstalter, die ihre "Ausverkauft"-Schilder demnächst einmotten dürften. Denn immer weniger Menschen leisten sich Tickets, eine Entwicklung, die durch die labile wirtschaftliche Situation noch befördert wird: Wo immer weniger im Geldbeutel bleibt, wird Kultur zum Luxus. Eine Platzausnutzung von gerade mal 60 bis 70 Prozent ist in Münchens Philharmonie fast der Regelfall, was darüber liegt ein Erfolg.<BR><BR>In der Bewertung der Zahlen etwa vom Herbst 2003 sind sich hiesige Klassik-Veranstalter einig: Es geht bergab, freilich in unterschiedlichen Tempi. Bell'Arte meldet "extrem rückläufig", Helmut Pauli, kaufmännischer Geschäftsführer der tonicale, einen "deutlich vernehmbaren Rückgang", Andreas Schessl (Münchenmusik) vorsichtig ein "weniger gutes" Ergebnis.<BR><BR>Schuld daran sind zu einem Gutteil die Kartenpreise. Bis zu 160 Euro kostet das London Philharmonic Orchestra mit Kurt Masur und Anne-Sophie Mutter (10. Februar), das morgige Gasteig-Gastspiel der Academy-of-St.-Martin-in-the-Fields schlägt mit maximal 105 Euro zu Buche, "schon" für höchstens 80 Euro ist im Mai Cellist Yo Yo Ma mit dem Amsterdam Baroque Orchestra zu haben. Nur: Nach übereinstimmender Auskunft aller fünf Münchner Veranstalter sind die Tickets in den höchsten Kategorien am meisten gefragt, ebenso die in den niedrigsten. Sorgen bereitet eher das "Mittelfeld".</P><P>Teure Säle und zu hohe Gagen</P><P>Doch den Privaten, die eben ohne öffentliche Subventionen auszukommen haben, sind bei der Preisgestaltung die Hände gebunden. Zum einen kämpfen sie mit in Deutschland einmalig hohen Saalmieten und Kosten für die technische Ausstattung. Andererseits müssen sie die, wie es Georg Hörtnagel ausdrückt, "unsinnigen Gagen-Forderungen" ans Publikum weiterreichen. 30 bis 40 Prozent, bei Weltstars rund 50 Prozent des Kartenpreises werden durch die Gage bestimmt. Spitzen-Honorare um 50 000 Euro für manche Diva sind keine Seltenheit. Und Pianist Maurizio Pollini zum Beispiel hat dem Vernehmen nach sein Honorar in den letzten Jahren um 50 Prozent gesteigert. Wobei die Musiker regionale Unterschiede machen, ihre Kunst also in Frankfurt oder Berlin billiger verkaufen, an der Isar dagegen das große Geld vermuten: "Ich weiß, dass in München ganz gern hingelangt wird", sagt Andreas Schessl.<BR><BR>Doch der Besucherrückgang lässt sich nicht allein mit den Preisen erklären, meinen die Veranstalter. "Auf dem klassischen Sektor ist doch nach dem alten Muster fast nichts mehr zu machen", klagt Georg Hörtnagel. "Das Problem ist: Wir erreichen die Jugend nicht mehr." Wem musikalische Basisbildung fehlt, der interessiert sich kaum für Beethoven, Bach und Brahms. "Mein Sohn hat eine Stunde Musikunterricht pro Woche, und darüber lachen sich die Schüler auch noch tot", pflichtet Andreas Schessl bei.<BR><BR>Andere Konzertformen also als Lösung? Hans-Dieter Göhre, Geschäftsführer von Concerto Winderstein, ist skeptisch. "Dies ist unsere Krise, nicht die der Musik." Abwarten lautet seine Devise - die schlechten Jahre gingen irgendwann vorbei. Anders denkt Kollege Helmut Pauli: "Vielleicht erreichen wir bestimmte Publikumsschichten nicht, weil die um 20 Uhr noch im Büro sitzen. Oder weil sie über ein begrenztes Zeitbudget verfügen." Auch könne man die Konzertdauer straffen, weil Pausen "von vielen nicht als förderlich für den Kunstgenuss angesehen werden". Ihn ärgere, dass heute alles als "Event" gestaltet werden müsse. "Wenn einmal der Klassikbereich ersetzt wird durch Halligalli-Kultur, wird er auch nicht mehr vermisst."<BR><BR>Gerade München ist ein gutes Beispiel dafür, das kulturelle Weichenstellungen in fetten Jahren erfolgten. Und die damaligen Planungen rächen sich: Die Philharmonie ist schlicht zu groß, 2400 Plätze sind nicht nur akustisch ein Unding, sondern auch für den Kartenverkauf. Die Veranstalter weichen immer mehr auf den Herkulessaal (1200 Plätze) oder das Prinzregententheater aus (1000). Am Ende dreht sich womöglich im Gasteig alles nur noch um den "U-Bereich": Schlagersternchen, Rock und Pop. Das mag zwar Geld bringen, führt aber die eigentliche Funktion des Kulturzentrums ad absurdum, wie Helmut Pauli meint und zugleich niedrigere Saalmieten einfordert: "Die Philharmonie ist vom Steuerzahler nicht für Eventkultur bezahlt worden."</P>

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